Warum ist mein Kind beim häuslichen Lernen oft unmotiviert und unkonzentriert?


Beim häuslichen Lernen in Form von Hausaufgaben, Vorbereitung auf Klassenarbeiten, Schulaufgaben, Tests, Aufarbeitung von Stofflücken usw. stehen die meisten Eltern irgendwann vor dieser Frage:Warum ist mein Kind beim häuslichen Lernen häufig unmotiviert und unkonzentriert, findet keinen Anfang und schiebt sein Pflichtprogramm entweder vor sich her oder trödelt so sehr beim Lernen, dass dabei keine zufriedenstellenden Ergebnisse herauskommen?

Verantwortlich dafür ist vor allem ein unwillkürlicher Widerstand gegen Tätigkeiten, die statt mit viel Freude mit Unlust verbunden sind. Diesen Widerstand kennen wir alle und sind mehr oder weniger stark davon betroffen. Im Laufe unseres Lebens haben wir irgendwann gelernt, bewusster und effizienter damit umzugehen, uns selbst zu motivieren und nicht in die überall lauernden Konzentrationsfallen zu tappen.

Wenn Sie sich ein Bild davon machen wollen, was in einem Kind vor sich geht, dass sich zu einem Zeitpunkt X einer mit Lust verbundenen Tätigkeit Y hingeben könnte und sich stattdessen mehr oder weniger gezwungen bemüht, eine unlustbetonte Aufgabe zu erledigen, bitte ich Sie, mit mir gemeinsam kurz das Gesamtsystem-System Ihres Kindes zum Zeitpunkt X zu scannen.

Wir sehen die mentalen Innenwelten unseres Kindes voll von faszinierenden Beschäftigungen, die jetzt realisiert werden könnten. Das System antizipiert auf der körperlichen, geistigen und seelischen Ebene die winkenden Lusteinheiten mit einer Intensität, die sich Erwachsene nur vorstellen können, wenn sie ihre eigene Kindheit noch lebhaft in Erinnerung haben. Alle Zellen, nicht nur die im Gehirn, fordern die Verwirklichung dessen, was das Gesamtsystem mit jeder Körperzelle will. Im Kopf des Kindes ist durchaus das Bewusstsein vorhanden, dass es jetzt eigentlich die ihm aufgetragenen Pflichten erledigen müsste. Und wenn Eltern, die ihr Kind schon tausendmal an diese Pflichten erinnert haben, glauben, es hätte sie nicht verstanden oder sofort wieder vergessen, dann irren sie sich. Vom Kopf her ist das den meisten Kindern schon im Grundschulalter klar und später quasi eine Binsenweisheit. Nur entscheidet im entscheidenden Augenblick nicht der Kopf, sondern eine andere Instanz:


Einfluss des Willens auf Konzentration und Motivation


"Faktisch ist es so, dass emotionale Zugänge messbar schneller ablaufen als unsere kognitiven, reflektierenden. Das heißt, bevor «wir selbst» uns entscheiden, etwas zu «wollen», haben die für unsere Emotionen zuständigen neuronalen Strukturen die Situation schon «bewertet» und entsprechende Aktionspotentiale aufgebaut."
Ralf Caspary (Hg.), Lernen und Gehirn - Wege zu einer neuen Pädagogik, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2008, Beitrag von Heinz Schirp: Neurowissenschaften und Lernen, S. 118

Diese Entdeckung der modernen Neurowissenschaften hatte der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer bereits im 19. Jahrhundert antizipiert, mit seiner – von Albert Einstein gern zitierten - Behauptung, der Mensch könne zwar tun was er wolle, aber nicht wollen was er wolle. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass es keinen Sinn macht, einem Kind zu erklären, warum es so wichtig ist, sich jetzt auf den Lernstoff zu konzentrieren oder es mit Versprechungen bzw. Drohungen zum fokussierten Lernen zu veranlassen. Wenn das Kind jetzt keinen stärkeren Impuls zum konzentrierten Lernen erhält als zu dessen Verweigerung in Form von Wegträumen, Trödeln usw. machen Appelle an seine Vernunft ebenso wenig Sinn wie Zuckerbrot oder Peitsche. Selbst wenn es im Einzelfall gelingt, durch solche Interventionen das Kind vorübergehend zum Arbeiten anzutreiben, steht der Nutzen in keinem Verhältnis zu der Beschädigung der intrinsischen Motivation, die einen kräfte- und nervenzehrenden Negativkreislauf in Gang setzt, mit dem Ergebnis, dass immer mehr Aufwand betrieben werden muss, um das Kind extrinsisch zu motivieren bei gleichzeitig sinkender Lerneffizienz. Das kann so weit gehen, bis beim häuslichen Lernen auf beiden Seiten die Nerven blank liegen und schließlich das Familienklima insgesamt darunter leidet.


Eine zuverlässige ADS-Diagnose zu stellen, ist bei
lebenden Patienten bereits schwierig, posthum ist sie
noch weniger aussagekräftig, da ein Tatsachenenbeweis
nicht mehr möglich ist und nur auf der Basis von Indizien
spekuliert werden kann. Im Internet gibt es zahlreiche
Quellen, die es für wahrscheinlich halten, dass Albert
Einstein zu seinen Lebzeiten positiv auf ADS getestet
worden wäre.

Einem Kind, das unkonzentriert ist, nicht weil es sich nicht konzentrieren will, sondern nicht konzentrieren kann, den Befehl zu geben, sich zu konzentrieren, ist vergleichbar damit, jemandem, der verkrampft und blockiert ist, zu sagen, nun entspann dich doch mal. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Betroffene danach noch verkrampfter sein als vorher, weil man etwas von ihm erwartet, was er längst erledigt hätte, wenn er es denn könnte. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick spricht in diesem Zusammenhang von einer „Sei-spontan-Paradoxie“. Wenn Sie Ihr Kind zu mehr Konzentration auffordern, dann klingt das in seinen Ohren, als hätten Sie es gefragt: „Warum bist du Idiot schon wieder so unkonzentriert!“ Besser wäre es, sie helfen ihm dabei, konzentrierter zu sein, indem Sie selber konzentriert, entspannt, präsent, gelassen, fröhlich, witzig, kreativ, spontan und inspirierend sind und nicht mehr von ihm erwarten, als was es unter den gegebenen Umständen leisten kann. So können Sie es vermeiden, in die Falle der „Sei-konzentriert-Paradoxie“ zu tappen.

Was können Sie sonst noch tun, um den Teufelskreis einer chronischen Konzentrationsschwäche zu durchbrechen? Sie können aus der Erkenntnis des Philosophen Schopenhauer und der Neurowissenschaften praktische Konsequenzen ziehen, indem Sie sich die Frage stellen, warum sind die lernfeindlichen Impulse meines Kindes zu einem Zeitpunkt X stärker als die lernfreundlichen, und warum überwiegen die Phasen der Ablenkung gegenüber denen der Konzentration? Diese Frage wäre leicht zu beantworten, wenn Ihnen folgende Möglichkeiten zur Verfügung stünden:


Was denkt, fühlt und empfindet mein Kind beim nachmittäglichen Lernen?

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Raum mit einer riesigen zentralen Leinwand und zwei Monitoren, auf denen Realtime-Grafiken zu sehen sind. Auf der Leinwand werden alle Gedanken und Bilder präsentiert, die Ihrem Kind zeitgleich durch den Kopf gehen. Die Gedanken erscheinen in Textform, während die bildhaften Vorstellungen teils als Standbilder, teils als Filmsequenzen zu sehen sind. Sie können beim Zuschauen auch differenzieren zwischen Gedanken und Bildmaterial, das Ihrem Kind zu dem jeweiligen Zeitpunkt bewusst ist oder auf unbewusster Ebene abläuft.

Auf einem der beiden Monitore sehen Sie oben zwei große beweglich Farbsäule nmit einer Skala von -10 bis +10. Sie zeigen die Lust-Unlust-Werte bzw. die Ablenkungs- und Konzentrationswerte Ihres Kindes in Realtime an. Dominieren Lust- oder Konzentrationswerte, so bewegt sich die Säule in grüner Farbe von 0 bis +10, bei Unlustwerten in roter Farbe zwischen 0 und -10. Unterhalb der großen Säule werden auf Farbsäulen mit unterschiedlichen Größen links die Lust-Unlust-Werte nach bestimmten Gefühlen differenziert. Innerhalb der Bandbreite von 0 bis +10 wird dort angezeigt, wie stark zum jeweiligen Zeitpunkt bestimmte emotional gefärbte Impulse sind, wie zum Beispiel Wut, Freude, Ärger, Neugier, Langeweile, Frust, Euphorie, Entspannung, Stress usw. Wenn Sie wollen können Sie sich auch noch rechts von den Gefühlssäulen bestimmte körperliche Werte anzeigen lassen, wie zum Beispiel Herzfrequenz, Atemtiefe, -frequenz und -rhythmus sowie bestimmte Energiepunkte vom oberen Dantien bis zu den Fußsohlen. Alternativ können Sie sich auch einfach nur die körperliche Verfassung anzeigen lassen, in denen sich der Zustand der Energiepunkte widerspiegelt, das heißt Säulen mit den Grenzwerten müde <> energiegeladen, angespannt <> entspannt, ruhig <> unruhig, Wohlgefühl <> Unwohlsein.

Mit Ihrem Kind haben Sie eine gemeinsame Lernaktion verabredet, die in gut fünf Minuten beginnt. Sie haben sich die wichtigsten Daten notiert, die Sie dem dreifachen Scan entnehmen konnten, und halten die jeweilige Schwankungsbreite innerhalb der letzten fünf Minuten wie folgt fest:

1. Lust-Unlust-Werte > zwischen -4 und +9
Bei den gescannten Gedanken und Vorstellungen wurden so viele Texte, Bilder und Filmsequenzen angezeigt, dass Sie diese nicht einmal binnen Stunden vollständig hätten notieren können. Deshalb beschränken Sie sich auf das Wesentliche.

Sie sehen einen Jungen mit verschiedenen angsteinflößenden teils tierischen, teils menschlichen Monstern kämpfen, die Sie teilweise an altgriechische Ungeheuer erinnern wie Minotaurus, Kerberos, Medusa und die Zyklopen. Ob dieser Junge Ihr Sohn Jakob ist, lässt sich nicht eindeutig erkennen. Er wird Sie später aufklären, wenn Sie ihn danach fragen.
Diese Filmsequenzen werden manchmal von Standbildern und Zeitlupenszenen unterbrochen, bei denen es überwiegend um Tore geht, die Fußballspieler erzielen. In einzelnen dieser Bilder taucht auch Ihr jubelnder Jakob auf.


Die Bilder von den altgriechischen Ungeheuern, die Jakob gerade durch den Kopf gehen,
stammen aus dem Film Percy Jackson - Diebe im Olymp, den Jakob erst wenige Tage zuvor
gesehen hatte. Besonders bei Jungen scheinen Filmsequenzen eine große Rolle zu spielen bei
den bildhaften Innenimpulsen, quantitativ wie qualitativ.
Ich erinnere mich noch gut an einen elfjährigen Schüler, der bei einer speziellen Übung zur
Betrachtung bildhafter Innenwelten - die auf dem Rücken liegend, mit geschlossenen Augen
durchgeführt wird - monatelang fast ausschließlich Bilder aus Star-Wars-Filmen beschrieb, die
er entweder in den Filmen gesehen hatte, oder die seiner eigenen Phantasie entstammten.

Zwischendurch blicken Sie auch in Ihr von Jakob projiziertes eigenes Gesicht, das Ihnen persönlich erschreckend gestresst, genervt und manchmal geradezu strafend erscheint und das, obwohl Sie immer versuchen, ihm Mut zu machen. Wortfetzen wie „blödes Mathe“, „Was bringt mir das Lernen, wenn die nächste Mathearbeit doch wieder fünf ist?“, deuten darauf hin, dass er gerade an die anstehende gemeinsame Lernaktion mit Ihnen denkt.

2. Bei den emotional gefärbten Impulsen ragen besonders heraus: Euphorie (9) und Wut (5), wobei die euphorischen Impulse quantitativ klar dominieren. Auffällig sind häufige und starke Stimmungsschwankungen, die meist von so kurzer Dauer sind, dass sie weder Jakob selber noch einem potentiellen Beobachter auffallen dürften.

3. Bei der körperlichen Verfassung hat sich der Wert im Verlauf des fünfminütigen Scans bezüglich müde <> energiegeladen von +4 auf -2 verändert, bezüglich Wohlgefühl <> Unwohlsein von +4 auf -1, während es bei den übrigen Werten nur geringfügige Veränderungen gibt, bis auf eine Ausnahme. Seine Atmung bewegt sich überwiegend im Normalbereich, das heißt, die Atemtiefe ist mit 2,5 Liter pro Atemzug mäßig, die Atemfrequenz beträgt 18 Züge pro Minute und der Atemrhythmus ist relativ stabil. An drei Stellen bricht das Atemsystem aber für einige Sekunden plötzlich zusammen. Es kommt zu Aussetzern bei der Atmung und von Rhythmus kann nicht mehr die Rede sein. Die Sauerstoffzufuhr entspricht kurzfristig der eines Tauchers ohne Atemmaske.


Die Schnittstelle zwischen Freizeitparadies und Lernhölle als klassischer Konzentrations- und Motivationskiller

Wenn Sie sich gleich in Jakobs Zimmer begeben, um mit ihm zu lernen, werden Sie einen Jungen vorfinden, der sich gerade auf dem Weg vom Paradies in die Hölle befindet. Seine lustbetonten Innenimpulse haben es ihm ermöglicht, die letzten Minuten vor Beginn der Lernzeit zu genießen, obwohl Sie sein Smartphone für kurze Zeit einkassiert hatten, um zu verhindern, dass das früher übliche Kampfritual um jede zusätzliche Spielminute den Lernstart verzögern und die Stimmung zwischen Mutter und Sohn bereits vergiften würde, ehe der eigentliche Kampf an der „Mathefront“ begonnen hätte.

Auf der zentralen Leinwand konnten Sie gerade beobachten, wie Jakob den Smartphoneentzug durch Hinwendung zu seinem permanent im Hintergrund laufenden “Homekino“ mühelos kompensieren konnte, da sein Bewusstsein bei fehlenden äußeren Lustanreizen automatisch auf innere Lustszenarien umschaltet und das umso mehr, wenn von außen auch noch massive Unlusttruppen im Anmarsch sind. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie gleich, sobald Sie sein Zimmer betreten, als feindliche Macht betrachtet werden, die es darauf abgesehen hat, ihm seine Lust zu rauben und sie durch Frust zu ersetzen. Der von ihm wahrgenommene Stress, das Genervtsein und der strafende Blick in Ihren Augen mag zum Teil Feindbildprojektion sein, vermutlich aber auch in gewissem Maße die Widerspiegelung Ihres eigenen Frusts gegenüber dem matheallergischen Sohn, ein Frust, der sich in Ihren Gesichtszügen nach unzähligen vergeblichen Lehr- und Lernbemühungen mehr oder weniger subtil automatisiert hat.

Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie gleich in Jakobs Körpersprache, insbesondere in seinen Augen, die Widerspiegelung einer inneren Verbarrikadierung entdecken. Seien Sie froh, dass dieser Widerstand jetzt ein Gesicht hat. Bisher konnten Sie sich nicht erklären, warum Ihr Sohn, der laut einem seriösen Intelligenztest über einen weit überdurchschnittlichen IQ verfügen soll und der auch seine mathematische Begabung in der Vergangenheit schon hinreichend unter Beweis gestellt hatte, sich beim Lernen oft wie ein Ochse verhält, der nicht nur seinen Karren nicht zieht, sondern sich selber auch noch dem Abschleppen widersetzt, wenn er in sumpfigem Gelände zu versinken droht.

Wie Sie der Säule mit den emotional gefärbten Impulsen entnehmen können, hat sich bei Jakob in den letzten Minuten auch Wutpotential aufgebaut, das bisher durch die Dominanz der euphorischen Impulse noch im Hintergrund geblieben ist, das Sie aber gleich womöglich mit voller Wucht zu spüren bekommen. Wenn Sie dann nicht noch Öl ins Feuer gießen wollen, empfehle ich Ihnen, diese Wut nicht persönlich zu nehmen, denn mindestens zwei ihrer Ursachen haben nichts mit Ihnen zu tun. Zum einen ist die Wut bedingt durch Jakobs relativ starke allgemeine Unlust bezüglich dem häuslichen Lernen sowie durch seine besondere mathespezifische Lernunlust. Zum anderen gehört Ihr Sohn zu den Kindern, die durch Gefühle in Verbindung mit bildhaften Vorstellungen und Körperempfindungen von so hoher Intensität und Häufigkeit gesteuert werden, dass sie kaum in der Lage sind, den Automatismen entgegenzusteuern, auch dann nicht, wenn sie die Nachteile ihrer eigenen Steuerungsunfähigkeit erkennen. Sie sind nicht willentlich unmotiviert und strengen sich nicht bewusst an, unkonzentriert zu sein, sondern brauchen im Verhältnis zu Kindern mit geringerer emotionaler Impulsstärke ein Vielfaches an Energie, um sich zu motivieren oder konzentrieren.

Was das konkret bedeutet, sehen Sie, wenn Sie einen Blick auf die beiden Monitore werfen. Noch bevor Jakob den Weg vom Paradies der freien Vorstellungen in die Hölle der zwanghaften Reproduktion angetreten ist, ist die Hölle bereits mehrfach aufgeblitzt. Es sind die Momente, als seine Verdrängung der bevorstehenden Unlustphase punktuell versagt und sein Bewusstsein für wenige Augenblicke eine Zeitreise in die unmittelbare Zukunft antritt. Wie Sie auf dem Monitor sehen, hat allein die Vorstellung von dem, was auf ihn zukommt, dazu geführt, dass starke Wutgefühle in ihm aufkommen. Interessant ist jetzt ein Blick auf die Atemwerte, die sich gleichzeitig mit den negativen Gedanken und Vorstellungen verändern. Die Atmung ist nun arhythmisch, die Atemfrequenz beträgt 26, das Volumen kaum mehr als einen Liter pro Atemzug. Sein Atemsystem hat also so reagiert, als sei er bereits in der Hölle angekommen. Dasselbe gilt für seine körperliche Fitness. Seine dominierende geistige Frische wird plötzlich von Müdigkeitsanfällen heimgesucht und sein Wohlbefinden geht auch in den Keller, während der kurzen Zeit, in der der Vorschein der Hölle sein gesamtes System verfinstert. Wie Sie der Grafik entnehmen können, ist der Gedanke, dass seine Anstrengungen im Fach Mathematik von Anfang an vergeblich sind, besonders lähmend. Er kommt dem Befehl des Gehirns gleich, den internen Arbeitsspeicher zu schonen und möglichst wenige Bits und Bytes für die Abspeicherung der als sinnlos eingestuften Informationen zur Verfügung zu stellen. Sollte Ihr Kind professionelle fachliche Hilfen in Mathemathik benötigen, kann ich Ihnen die Internetseite abibabo.de empfehlen.
 

Systemisches Lernen erfordert die Einbeziehung aller am Lernprozess beteiligten Personen und Umstände


Was Sie gerade bei Jakob beobachten, geschieht zeitgleich in Ihrem eigenen Inneren, wenn auch mit anderen Inhalten und Impulsstärken. Auch Sie sind mehr oder weniger konditioniert bezüglich der Interaktionen, die zwischen Ihnen und Ihrem Sohn während des häuslichen Lernens ablaufen. Jede Sekunde, die Sie mit ihm gemeinsam gelernt haben, von der Grundschule angefangen bis heute, ist in Ihrem Gehirn abgespeichert, nicht nur als neutrales Faktum, sondern als lebendiger Komplex, in dem all das enthalten ist, was Sie vorhin auf der großen Leinwand und den kleinen Monitoren beobachten konnten. Alle Gedanken, Bilder und Vorstellungen, alle sinnlichen und emotionalen Eindrücke, die in der Vergangenheit beim gemeinsamen Lernen mit Jakob präsent waren, sind auch jetzt, in diesem Augenblick, im Hintergrund aktiv. Sie prägen Ihre momentane mentale, emotionale und physische Verfassung; wie stark, hängt davon ab, wie bewusst Ihnen diese Prozesse sind und in welchem Maße es Ihnen bereits gelungen ist, hausgemachte Lernwiderstände zu reduzieren und zu einer Atmosphäre beizutragen, in der beide Beteiligten ebenso klar und konzentriert wie entspannt und spontan sind und in der die Freude gegenüber dem Frust dominiert.

Ich empfehle Ihnen, sich Ihre eigene Leinwand und die beiden Monitore bei Gelegenheit in aller Ruhe anzuschauen, falls Sie das nicht schon getan haben. Eine Sache bitte ich Sie zu tun, noch bevor Sie gleich zu Jakob hinübergehen. Stellen Sie sich vor, bei dem gemeinsamen Lernen mit Ihren Sohn wären sekündlich ihre beiden Gesichter fotografiert worden. Das ergäbe Millionen von Bildern, die man gedanklich so auf eine gigantische Leinwand projizieren könnte, dass paarweise je ein Gesicht von Ihnen und von Jakob pro Sekunde zu sehen wäre. Um seine eigene Vorstellungskraft nicht zu überfordern, könnte man von einem Zufallsgenerator tausend Bilder auswählen lassen, um diese dann in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Wahrscheinlich würde Ihnen das Betrachten dieser Bilder mehr über das bisherige Lernen mit Jakob sagen können, als tagelanges Grübeln oder die Lektüre von einer Handvoll pädagogischer Ratgeber, denn alle zu einem Zeitpunkt X wirksamen Faktoren spiegeln sich am klarsten in den Gesichtern der Beteiligten wider. Wenn Ihnen die Gesichter sagen, dass in der Vergangenheit etwas faul war beim gemeinsamen Lernen, und wenn Sie daraufhin zielführende Korrekturen durchgeführt haben, dann werden diese auf den neuen Bildern zu sehen sein und Sie darin bestätigen, den neuen Kurs fortzusetzen.


Kein Bild ist mit einem anderen identisch. Dieselbe Erfahrung würden Sie mit den Millionen von
Snapshots machen, die während des gemeinsamen Lernens mit Ihrem Kind von Ihnen Beiden
geschossen werden könnten. Würden Sie bei der Nachbetrachtung sich selbst und Ihrem Kind
in die Augen schauen, dann wüssten Sie, warum die jeweiligen Lernsessions mehr oder weniger
frustrierend oder aufbauend bzw. effizient oder unproduktiv waren.

Strahlen Sie mit Ihren Gesichtszügen und Ihrer Körperhaltung in diesem jetzigen Augenblick Zuversicht, Entspannung, Ruhe und Konzentration aus, dann stehen die Chancen gut, dass Sie bei der anstehenden Lernsession mit Ihrem Sohn viel erreichen können. Sollte er selber mies gelaunt und unmotiviert sein, wird es zum Wettstreit der gegensätzlichen Stimmungen und Haltungen kommen. Dabei wird der Kämpfer mit der größten Entschlossenheit und Beharrlichkeit gewinnen. Fühlen Sie sich jetzt stark genug, das heutige gemeinsame Lernen so zu begleiten, dass am Ende alle Beteiligten mit dem Verlauf und den Ergebnissen zumindest einigermaßen zufrieden sind, dann spricht nichts dagegen, jetzt bei Jakob anzuklopfen und mit dem Lernen zu beginnen. Sollten Sie aber in die Sitzung gehen mit der Erwartungshaltung, dass es heute wieder das übliche Spiel geben wird zwischen einem unmotivierten und unkonzentrierten Kind und einer Mutter, die verzweifelt und erfolglos zugleich versucht, eine effiziente Lernsession zu organisieren, dann wäre es besser, heute auf das gemeinsame Lernen zu verzichten.

Stattdessen wäre es sinnvoller, die Standardsituation „gemeinsames Lernen von Eltern und Kind“ gründlich auf den Prüfstand zu stellen. Das Thema ist zu komplex, um es hier ausführlich zu behandeln. Bei dem Buchprojekt, an dem ich gerade arbeite, nimmt das entsprechende Kapitel breiten Raum ein und ermöglicht tiefe Einblicke in die systemischen Komponenten, die letztlich darüber entscheiden, welche Lernwiderstände aufgebaut und auf welche Weise sie abgebaut werden können. Es wird noch eine Weile dauern, bis das Buch fertig ist, doch Sie können schon heute damit beginnen, in Eigenregie die Weichen für ein verbessertes häusliches Lernen zu stellen, indem Sie das von mir beschriebene Szenario auf Ihre spezifische Situation anwenden.

Scannen Sie sich selbst ausführlich und tiefgründig auf allen drei oben angesprochenen Ebenen und machen Sie sich dazu stichpunktartige Notizen. Sobald Sie ausreichend Fortschritte bei dieser Form der Selbstbeobachtung gemacht haben, zeigen Sie Ihrem Kind, wie es sich selber scannen kann und geben Sie ihm ein kleines Notizbuch (DinA6 hat den Vorteil, dass es in die Hosentasche passt), in das es die Gedanken/Vorstellungen, Gefühle und Körperempfindungen insbesondere vor während und nach dem gemeinsamen Lernen eintragen kann. Besonders wichtig ist, dass Sie Ihr Kind häufiger bitten, sich selbst bezüglich Ablenkung und Konzentration auf einer Skala von -3 bis +3 selbst einzuschätzen, damit es immer besser in der Lage ist, seine eigene Konzentrationsstärke auch dann realistisch einzuschätzen, wenn es allein arbeitet.

Haben Sie Geduld mit Ihrem Kind aber auch mit sich selbst, denn obwohl die Beobachtung an sich keine zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt und das Notieren jeweils nur Sekunden dauert, müssen Sie mit einem massiven Anfangswiderstand gegen Selbstbeobachtungsübungen rechnen. Dieser hat vor allem damit zu tun, dass Kinder, mehr noch als Erwachsene, unangenehme Dinge gern verdrängen, und Selbstbeobachtung ist nun einmal der größte Feind der Verdrängung.

Machen Sie deshalb an dieser Stelle nicht den Fehler, vor dem der deutsche Philosoph Hegel gewarnt hat: „Die Ungeduld verlangt das Unmögliche, nämlich die Erreichung des Ziels ohne die Mittel.“
G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M, u. a.: Ullstein, 1970, S. 27

Der Aufbau eines guten Selbstbeobachtungssystems erfordert viel Zeit und Geduld. Doch die enormen Fortschritte, die man damit erreichen kann, beschränken sich nicht nur auf das Lernen, denn Selbstbeobachtung ist die Voraussetzung für Selbststeuerung und somit auch für Selbstständigkeit. Wer sich selbst nicht steuern kann, wird von anderen gesteuert.

Von der Selbstbeobachtung über die Selbststeuerung zum konzentrierten und motivierten Lernen

Besonders Kinder, die sich mit dem Lernen schwer tun, obwohl sie über ein Potential verfügen, das gute schulische Leistungen ermöglichen könnte, machen irgendwann die Erfahrung, dass ihre Widerstände gegen bestimmte Lerninhalte und Lehrpersonen letztlich dazu führen, dass ihnen die „Schule“ immer mehr auf die Pelle rückt, dass sie am Ende mehr Zeit für schulische Arbeiten aufbringen, als wenn sie ihre Energie statt in den Widerstand in die effiziente Erfüllung von unabwendbaren Anpassungsleistungen investiert hätten.

Sollten Sie, was durchaus wahrscheinlich ist, in Verbindung mit den Übungen zur Selbstbeobachtung feststellen, dass Ihr Kind oft stark abgelenkt ist, dann nehmen Sie diese Ablenkungen meinem persönlichen Motto entsprechend - „Ablenkungen sind Hinführung zu dem, was wir jetzt stärker wollen.“ - nicht zum Anlass von Kritik, sondern bitten Sie Ihr Kind lediglich, sich beim konzentrierten Lernen die Ablenkungsangebote stichpunktartig zu notieren, um sich Ihnen nach dem Lernen ausgiebig hinzugeben, sofern es dann noch Lust dazu hat. Es ist völlig unmöglich, das Aufkommen von Ablenkungen zu verhindern. Nach einer gewissen Zeit der Einübung werden Sie jedoch feststellen, dass Ablenkungen an Kraft verlieren, sobald sie die Schwelle vom Unbewussten zum Bewussten überschreiten. Ein Meister der Selbstbeobachtung, der indische Philosoph Krishnamurti, meint dazu:

„Du kannst dir nicht antrainieren, aufmerksam zu sein. Aber du kannst dir gewahr sein, wenn du unaufmerksam bist. Und wenn du dir gewahr bist, dass du unaufmerksam bist, dann bist du aufmerksam.“
Jiddu Krishnamurti, Freiheit und wahres Glück, 1. Aufl. München: Heyne, 2007, S. 23

Wenn ich durch Selbstbeobachtung bemerke, dass ich abgelenkt bin, manövriere ich mich damit also automatisch wieder zurück in die Konzentration. Das schützt mich nicht davor, im nächsten Augenblick erneut abgelenkt zu sein. Es bietet mir aber die Möglichkeit, die Anzahl der Situationen zu vermehren, in denen ich mich für oder gegen das konzentrierte Arbeiten entscheiden kann. Ein Kind, dem das später durch beharrliche Selbstbeobachtung gelingt, wird sich am Anfang des Selbstbeobachtungstrainings in den meisten Fällen gegen die Konzentration und für die Ablenkung entscheiden. Das ist der Punkt, wo viele Eltern verzweifeln und die Methode der Selbstbeobachtung grundsätzlich in Zweifel ziehen. Aus Erfahrung möchte ich Sie dazu ermutigen durchzuhalten, sich über kleinste Fortschritte zu freuen und sich immer wieder vor Augen zu halten, was die Alternative dazu wäre, nämlich ein Kind, das für lange Zeit oder gar lebenslang immer wieder von irgendwem angeschoben werden müsste, um etwas zu tun, das nicht durch unmittelbare Lust belohnt wird.


Verschiedene Hirnforscher schätzen die Anzahl von Gedanken, die uns täglich durch den Kopf
gehen, auf etwa 20 bis 30 Tausend. Die meisten sind unbewusst oder überschreiten die Schwelle
zum Bewusstsein nur flüchtig. Nichtsdestotrotz steckt in jedem Gedanken eine Impulskraft, die mit
darüber entscheidet, was wir tun oder unterlassen. Wer nicht weiß, was in seinem Kopf, in seinem
Körper und in seiner Seele vor sich geht, gleicht einem steuerlosen Schiff, dessen Kurs allein der
Wind bestimmt. Deshalb brauchen vor allem Kinder vom Bewusstseinstyp "Schmetterling" eine
gute Selbstbeobachtung, um nicht permanent mühsam von außen gesteuert werden zu müssen.

Aristoteles hat einmal gesagt, der Anfang sei die Hälfte vom Ganzen. Bezüglich der Selbstbeobachtung gilt das im doppelten Sinne. Zum einen haben Sie das Schlimmste hinter sich, wenn Sie die anfängliche Durststrecke mit den geringen Fortschritten überwunden haben. Zum anderen können Sie nach der erfolgreichen Durchführung des Selbstbeobachtungsprogramms Ihre Hände die meiste Zeit entspannt in den Schoß legen, denn mit jedem Akt der Selbstbeobachtung wird die Selbststeuerung gestärkt, da die Gelegenheiten zur Selbststeuerung sich kontinuierlich erhöhen. Und ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung erst einmal gestärkt, dann ist damit bereits die wichtigste Voraussetzung zur Selbstorganisation und zu einem Leben gegeben, das in hohem Maße selbstbestimmt ist. Wem es gelungen ist, durch ebenso intensive wie entspannte Selbstbeobachtung seine Motivation und Konzentration zu steigern, der hat sich damit selbst die Grundlage für ein Leben geschaffen, in dem die Freiheit gegenüber der Fremdbestimmtheit überwiegt und in dem Misserfolge nur die Steigbügelhalter für neue Erfolge sind.

Der Weg von der Selbstbeobachtung über die Selbststeuerung zur Selbstorganisation ist keineswegs zeitintensiv, doch erfordert er genaue Kenntnisse über die Impulsstrukturen und mentalen Innenwelten Ihres Kindes, und zwar sowohl von dem Kind selbst als auch von der Person, die es betreut und unabhängig davon, ob es die Grundschule besucht oder als „erwachsenes Kind“ bereits mit dem Studium beschäftigt ist. Wenn Sie den Eindruck haben, dass dieser Weg für Ihr Kind der richtige sein könnte, aber noch keine klare Vorstellung von der praktischen Durchführung haben, können Sie mit mir gern per Mail ein dreißigminütiges honorarfreies Telefonat verabreden.