Im zweiten Schulhalbjahr mehr Selbststeuerung und Selbstorganisation

 Ein bestimmter Schülertyp tut sich mit der Selbststeuerung und infolge dessen auch mit der Selbstorganisation und Konzentration auf unlustbetonte Aufgaben besonders schwer. Es sind Kinder, Jugendliche oder Studenten mit extrem kurzen Wegen zwischen Impuls und Handlung. Taucht eine schöne Erinnerung auf dem inneren Monitor auf, oder werden lustbetonte Bilder auf die Leinwand der Zukunft projiziert, dann ist es so, als risse ihnen jemand das Steuer aus der Hand und als hätten sie den übermächtigen Impulsen nichts entgegenzusetzen. Wer mit einer höheren Frequenz und Stärke von inneren und äußeren Impulsen zu kämpfen hat, insbesondere wenn er auch noch sensibel ist, für den ist es ungleich schwieriger, sich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, sofern sie mit Unlust verbunden ist.

Was immer man auch tut, stets folgen der mangelnden Konzentration die schlechten Leistungen auf dem Fuß, und Misserfolge nagen wiederum auf Dauer am Selbstwertgefühl sowie an der Motivation. Wer ein Aufmerksamkeitssteuerungsdefizit aufweist (ASD – ich verwende diesen Begriff in Abgrenzung zu ADS), leidet unter dieser Schwäche um so mehr, je kreativer, sensibler und intelligenter er ist, denn er spürt die Diskrepanz zwischen dem was er kann und dem was er könnte, besonders deutlich. Es hilft ihm wenig, wenn diese Schwäche meist mit einer Stärke einhergeht, die sich vor allem darin zeigt, dass dieser Typ außergewöhnlich spontan, intuitiv und kreativ sein kann, sofern er nicht von unabwendbaren unlustbetonten Anpassungsleistungen erdrückt wird. Solche Werte genießen bei weitem nicht die soziale Anerkennung, die der effizienten Leistungsstärke beigemessen wird.

Wenn solche Schüler in den Ferien von den schulalltäglichen Anpassungsleistungen befreit sind, dann wäre es untertrieben zu sagen, sie erholten sich, denn oft blühen sie in dieser Zeit richtig auf. Sobald die Schule wieder beginnt, wird von ihnen erwartet, dass ihre Denk- und Arbeitseinstellungen (modus cogitandi und modus operandi) möglichst per Knopfdruck vom lustorientierten Entdecker auf den ergebnisorientierten Vollstrecker umgeschaltet werden. Da sie in schulischen Angelegenheiten eh nicht die geborenen Vollstrecker sind, gelingt das den wenigsten. Und so kann sich schnell während des ersten Schulhalbjahres eine Hypothek aufbauen, die einen bis zum Ende des Schuljahres und darüber hinaus belastet. Für Schüler mit Problemen bei der Selbststeuerung und Selbstorganisation erhöht sich der Druck oft noch im zweiten Schulhalbjahr, weil dem Versetzungszeugnis meist eine besondere Bedeutung beigemessen wird, unabhängig davon, ob ein Schüler versetzungsgefährdet ist. Um zusätzlichen Druck zu vermeiden, empfiehlt es sich, mit der Aufarbeitung der Probleme nicht zu warten, bis einige wenige Klassenarbeiten darüber entscheiden, ob ein Schüler die Sommerferien entspannt und frei von schulischen Hypotheken genießen kann.

Andreas Tenzer
Köln, Mitte Januar 2017

 

Pädagogische Zitate der Woche

Hier erscheinen jede Woche drei neue Zitate zu den Hauptthemen Lernen, Konzentration, Motivation, ADS, Schule und Lernpädagogik.

17. Kalenderwoche

Zitat Nr. 1: Das Lachen hebt auf der Stelle die physische und geistige Erregung auf, also den inneren Druck.
Katsuki Sekida, Zen-Training, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1997, S. 177

Zitat Nr. 2: Schätzungen gehen davon aus, dass viermal so viel Jungen wie Mädchen von Aufmerksamkeitsstörungen mit und ohne Hyperaktivität betroffen sind, andere Schätzungen sprechen sogar davon, dass Jungen 90 Prozent der ADS-Kinder ausmachen.
Barbara Simonsohn, Hyperaktivität, Warum Ritalin keine Lösung ist, Goldmann Verlag, München, 2001, S. 38

Zitat Nr. 3: Die Erziehung zur Unmännlichkeit, der Hang zur Unterdrückung der «männlichen Seite» im Jungen kommt einer Entmannung gleich, gegen die sich ein Großteil der Jungen mit stark männlichem Auftreten zur Wehr setzt.
Frank Beuster, Die Jungenkatastrophe, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2006, S. 95