Liebe Eltern und Schüler,

zwischen dem 30. Juli und 20. August ist meine Praxis geschlossen.
In dringenden Fällen können Sie mich per E-Mail kontaktieren.
Ich bitte um Ihr Verständnis, dass ich in den Ferien einen täglichen Mail-Check nicht garantieren kann.

Freundliche Grüße
Andreas Tenzer
2. Juli 2017



Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen kurze Beiträge zu häufig gestellten Elternfragen.

Aktuelles Thema: Wie tickt mein Kind und wie wirkt sich das auf seine Konzentrationsfähigkeit aus?

 
Impulsstärke und Impulsfrequenz

Die Eltern von Ben (12) sind verzweifelt. Mehrere seiner Lehrer haben ihnen übereinstimmend berichtet, dass Ben im Unterricht oft abwesend wirkt und sich häufig mit Mitschülern in seiner Nähe plaudernd oder gestikulierend unterhält. Auch wenn ihr Sohn die Wahrnehmung seiner Lehrer für übertrieben hält oder gar bestreitet, glauben seine Eltern den Lehrern, denn sie erleben täglich, wie Ben nachmittags jede innere und äußere Ablenkung dankbar annimmt, um seine Hausaufgaben vor sich her zu schieben. Das führt dazu, dass er für Arbeiten, deren konzentrierte Erledigung weniger als eine Stunde in Anspruch nähme, regelmäßig mehrere Stunden braucht. Und trotz des hohen Zeitaufwands schwanken die Ergebnisse auch noch zwischen mäßig und miserabel. Bens Eltern haben von Zuckerbrot bis Peitsche alles ausprobiert, um das Problem zu lösen. Nichts hat geholfen.

Im Schneidersitz hockt Ben auf einem Kissen. Er soll seine Gedanken und inneren Bilder beobachten und stichpunktartig formulieren. Ich notiere sie. Nach fünf Minuten stehen 28 Punkte auf meinem Blatt. Anschließend hat Ben die Gelegenheit, die einzelnen Wahrnehmungen auf einer Skala von minus drei bis plus drei Punkten danach zu bewerten, ob sie mit angenehmen oder unangenehmen Gefühlen verbunden sind. Nur drei Gedanken liegen im Minusbereich, während 22 mit plus zwei oder drei angegeben werden. Damit steht fest: Ben hat eine hohe Innenimpulsfrequenz in Verbindung mit einer überdurchschnittlich hohen Impulsstärke.

Was bedeutet dieses Ergebnis für seine Konzentrationsfähigkeit?

Manche Kinder nehmen im gleichen Zeitraum nur einzelne oder gar keine Gedanken und inneren Bilder wahr, die meist auch noch mit viel schwächeren Gefühlen verbunden sind. Wenn sie sich langweilen oder von außen unter Druck gesetzt fühlen, haben Sie nicht die Möglichkeit, sich inneren Bildern hinzugeben, zum Beispiel in Form von Tagträumen. Ben kann dagegen jederzeit sein inneres Homekino einschalten, wenn Langeweile oder Stress drohen, oder genauer gesagt, sein Gehirn schaltet automatisch auf ein inneres Lustprogramm um, wenn in der Kommunikation mit anderen Unlust droht.

Da Ben dieser Automatismus nicht bewusst ist, zweifelt er manchmal an sich selbst. Ihm ist klar, dass sein häusliches Lernen nicht richtig funktioniert und dass es darüber hinaus auch noch unnötig viel Zeit in Anspruch nimmt, die ihm fehlt für die Dinge, mit denen er am liebsten ganze Nachmittage und Abende verbringen würde: Computerspiele, im Internet surfen, Chatten, Telefonieren, mit Freunden etwas unternehmen usw. Stattdessen verbringt er nachmittags oft Stunden im Niemandsland, wo er weder konzentriert lernt noch seine Freizeit in vollen Zügen genießen kann. Dabei investiert er mehr Energie in den Widerstand gegen das Lernen als für die Erledigung der Aufgaben. Er würde das selber gern ändern, weiß aber nicht wie.

Gelegentlich kracht es zwischen Ben und seinen Eltern, das heißt besonders zwischen ihm und seiner Mutter, die täglich mittelbar oder unmittelbar erlebt, wie ineffizient Ben nachmittags schulisch unterwegs ist. Von seinen Lehrern hört sie immer wieder, dass sie Ben für eher überdurchschnittlich intelligent halten und dass er viel bessere Noten haben könnte, wenn er motivierter und konzentrierter wäre. Wenn Ben zu Hause darauf angesprochen wird, reagiert er schnell aggressiv, da er darin den Vorwurf der Faulheit wittert. Er fühlt sich unverstanden, nicht ganz zu unrecht. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass er sich selber nicht versteht.

Wie kann Ben nachhaltig seine Motivation und Konzentration verbessern?

Motivation und Konzentration können niemandem beigebracht, sondern müssen von jedem selbst gefunden werden. Mit dieser Formulierung widerspreche ich fast allen gängigen Lehren zu diesen beiden Themen. Doch nach mehr als dreißig Jahren Forschung und lerntherapeutischer Praxis bin ich davon überzeugt, dass Motivation und Konzentration wirksam nur an der Quelle verändert werden können und die Quelle ist das sich sekündlich verändernde Impulsspiel des betreffenden Individuums. Der Kern meiner Arbeit besteht darin, es Kindern, Jugendlichen und manchmal auch Erwachsenen zu ermöglichen, das Impulsspiel auf allen relevanten Ebenen zu beobachten, um schließlich dort steuernd eingreifen zu können, wo eine Verhaltensänderung erwünscht ist.

Zu diesem Zweck habe ich eine Fülle von Selbstbeobachtungsübungen entwickelt, die teils allgemeiner Natur sind, teils auf ganz bestimmte Wahrnehmungs- und Lerntypen zugeschnitten sind. Um meinen Schülern zu erklären, worum es bei der Selbstbeobachtung geht und welchen Nutzen sie bringt, verwende ich gern diesen bildhaften Vergleich:

Stell dir vor, du hättest eine App auf deinem Handy, die dir per Klick eine Grafik zeigt, auf der du sehen kannst, welche Gedanken und Vorstellungen dir in den letzten Sekunden durch den Kopf gegangen sind. Dabei kannst du wählen zwischen nur Text, nur Bild, Text und Bild oder Film. Auf dem Display siehst du dann entweder deine Gedanken stichpunktartig aufgelistet, als Bilder wie aus einem Comicheft mit Sprechblasen, als Fotos auf einem Monitor oder als kleinen Film auf einer Leinwand. Die App kann dir auch auf einer Skala von minus zehn bis plus zehn anzeigen, mit welchen Gefühlen die Gedanken und Bilder verbunden sind.

Du könntest dann zum Beispiel nachmittags die Grafik anklicken in einem Moment, wo du gerade mit lustvollen Dingen beschäftigt bist und dich plötzlich bei dem Gedanken ertappst: “Ich muss ja noch meine Hausaufgaben machen.“ Dann könntest du sehen, mit welchem Vorzeichen und welchem Wert sich dieser Gedanke in die Kette der vorgehenden Gedanken einordnet. Vermutlich würdest du dann verstehen, warum du dich in diesem Augenblick nicht zu konzentriertem Lernen aufraffen kannst. Vielleicht bist du dann offen für eine Methode, die es dir ermöglicht, deiner Lernlust für kurze Zeit Vorfahrt zu geben, um danach ohne schlechtes Gewissen machen zu können, was du willst. Weitere Apps könnten dir dabei helfen, zum Beispiel die Energie- und Atmungs-App, die dir jederzeit genau anzeigt, wie viel Energie dir jetzt zur Verfügung steht und ob deine Atmung dein Energielevel anhebt oder absenkt. Wenn du dann nach einiger Übung merkst, dass du dich mit Hilfe der Selbstbeobachtung besser selbst steuern kannst und dadurch in kürzerer Zeit mehr lernst als bisher, wirst du dich wahrscheinlich über die gewonnene Freiheit und Freizeit freuen und die Zeiten im Niemandsland kaum vermissen.

Die Methode Von der Selbstbeobachtung zur Selbststeuerung ist sehr komplex aber nicht kompliziert. Sie ist deshalb auch gut geeignet für externe Schüler, die keine oder zumindest keine regelmäßigen Praxistermine wahrnehmen können. Bei Schülern unter 14 Jahren funktioniert die Methode in der Regel nur, wenn es mindestens ein Elternteil gibt, das vor Ort dabei mithilft, das Selbstbeobachtungssystem aufzubauen. Besondere fachliche Kenntnisse der Eltern sind nicht erforderlich, da sie von mir umfangreiche Anregungen und Anleitungen erhalten. Wichtig ist jedoch, dass Ihnen die Methode plausibel erscheint und natürlich auch den Schülern und Schülerinnen, die in der Regel für die Kombination aus Selbstbeobachtung und Selbststeuerung besonders offen sind, so wie Ben, der sich in Zusammenarbeit mit mir und seiner Mutter aus dem Niemandsland befreien konnte.

Andreas Tenzer
Köln, Mai 2017

 

Pädagogische Zitate der Woche

Hier erscheinen jede Woche drei neue Zitate zu den Hauptthemen Lernen, Konzentration, Motivation, ADS, Schule und Lernpädagogik.

30. Kalenderwoche

Zitat Nr. 1: Wie die neueren Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, werden Erfahrungen immer gleichzeitig auf der kognitiven, auf der emotionalen und auf der körperlichen Ebene in Form entsprechender Denk-, Gefühls- und körperlicher Reaktionsmuster verankert und aneinander gekoppelt («Embodiment»).
Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten - Ein neurobiologischer Mutmacher, 5. Aufl. 2011, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 133 f

Zitat Nr. 2: Wer Macht demonstriert, offenbart seine Ohnmacht.
Andreas Tenzer in: Die 38-Stunden-Woche für Manager, Daniel Walther, Berlin: Springer-Verlag, 2013, S. 37

Zitat Nr. 3: Kinder lernen Wörter umso schneller, je mehr ein vertrauter Erwachsener ihre Sprechversuche begeistert kommentiert. Sie verbinden mit den neuen Vokabeln dann ein positives Gefühl und behalten sie daher besser.
Ralf Caspary (Hg.), Lernen und Gehirn - Wege zu einer neuen Pädagogik, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2008, Beitrag von Josef Kraus: Was hat Bildung mit Gehirnforschung zu tun?, S. 146