Aktuelles


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Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen kurze Beiträge zu häufig gestellten Elternfragen.

Aktuelles Thema: Mein Kind und sein unstillbares Verlangen nach Medienkonsum

Mehr als zwei Drittel der Eltern meiner Schüler wünschen sich, dass ihr Kind weniger Zeit mit den beliebtesten elektronischen Medien verbringen würde wie PC und Laptop, Handy und Smartphone. In vielen Familien ist die Frage eines angemessenen Medienkonsums ein Dauerstreitthema. Oft wird die jeweils praktizierte Regelung von beiden Seiten als unbefriedigend empfunden. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich willkürlich und unnötig in ihrer freien Lebensgestaltung eingeschränkt, während Eltern den Eindruck haben, dass ihre Kinder mit allen erdenklichen Tricks versuchen, jedes vorgegebene Maß zu ihren Gunsten zu überschreiten.

Da allgemeine Ratschläge nie etwas taugen, weil das Leben die Gewohnheit hat, grundsätzlich nicht nach allgemeinen Richtlinien zu verlaufen, sondern in jeder Konstellation und Situation spezifische, weitgehend unberechenbare Wege zu gehen, führen alle Vorschläge in die Irre, die Eltern vorgaukeln, sie könnten den vermeintlich oder tatsächlich überhöhten Medienkonsum ihrer Kinder reduzieren, indem sie sich von Leuten, die dieses eine einzigartige Kind nicht kennen, Hinweise geben lassen, wie dessen Medienkonsum idealerweise aussehen sollte.

Aus diesem Grund verzichte ich hier auf allgemeine Ratschläge und weise stattdessen auf zwei Fallen hin, in die ich Eltern immer wieder tappen sehe und die nach meinen Erfahrungen große Hindernisse darstellen bei der Suche nach einem für alle Beteiligten angemessenen Medienkonsum. Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat einmal in Anlehnung an einen Spruch von Wilhelm Busch formuliert: Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt. Sollte es Ihnen als Eltern gelingen, nicht in die beiden folgenden Fallen zu tappen, dann besteht Ihre Hauptaufgabe mehr in der Unterlassung als im Handeln. In einem Punkt wird Ihnen das Handeln jedoch nicht erspart bleiben. Sie werden für eine gewisse Zeit täglich ein paar Minuten aufbringen müssen, um dafür zu sorgen, dass Ihr Konzept des Nichthandelns in der Praxis funktioniert.

1. Die Wertefalle

Eltern wissen, dass übermäßiger Medienkonsum in vielerlei Hinsicht für die Entwicklung eines Kindes schädlich sein kann. Was viele Eltern nicht wissen, ist, dass ihre Kinder das in der Regel auch wissen. Und so wird täglich an die Vernunft des Kindes appelliert, mehr Zeit und intensiveres Bemühen für Hausaufgaben sowie das häusliche Lernen aufzubringen und den Medienkonsum entsprechend zu drosseln. Solche Appelle müssen deshalb ins Leere gehen, weil Kinder nicht aus Vernunftgründen das Smartphone oder den PC dem häuslichen Lernen vorziehen, sondern aufgrund einer unwillkürlichen Lust-Unlust-Abwägung. Gemäß der These des Philosophen Schopenhauer, dass man zwar tun kann, was man will, aber nicht wollen, was man will, haben die Kinder praktisch keinen Einfluss darauf, was sie stärker wollen.

Wenn Eltern aus diesem Grund darauf verzichten, ihren Kindern das Lernen auf der Basis von Einsichten schmackhaft zu machen, ist der Weg frei für pragmatische Lösungen, die sich an der Wirklichkeit und nicht an Idealen orientieren. Sagen Sie Ihrem Kind: Ich verstehe, dass du mehr Freude am Spielen als am Lernen hast, dass das nachmittägliche Lernen für dich oft ein Qual ist und auch, dass du alles versuchst, um den Aufwand dafür so gering wie möglich zu halten. Und ebenso verstehe ich, dass du die Aufgabe, konzentriertes Lernen und unbeschwertes Spielen miteinander in Einklang zu bringen, nicht allein lösen kannst. Deshalb werden wir als Eltern dir dabei helfen. Sollte Ihr Kind jede Hilfe ablehnen, weil es sich davon mehr Freiheiten verspricht, als wenn Sie sich in die Frage des Medienkonsums einmischen, ist Ihr Standvermögen verlangt. Belassen Sie es dabei zu betonen, dass Sie Ihrem Kind jede Minute mit seinen Lieblingsmedien gönnen und dass Sie nicht mit sich darüber verhandeln lassen, ob es auch seine schulischen Aufgaben angemessen zu erledigen hat, oder nicht.

2. Die Organisationsfalle

Sind Eltern erst einmal in die Wertefalle getappt, dann werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Organisationsfalle landen. Im Kern resultiert die Organisationsfalle aus der falschen Überlegung, das Verhalten eines Kindes ließe sich weitgehend über Werte und Einsichten steuern, denn dann glauben die Eltern, dass es nach ihren Predigten nur noch darum ginge, ob sie ihrem Kind vertrauen können, oder nicht. Da sie aus besagten Gründen ihrem Kind nicht vertrauen können – denn der Gegenstand des Vertrauens entzieht sich der kindlichen Steuerung – fangen sie an zu überlegen, wie sie ihr Kind zur Vernunft bringen oder zwingen können. Dabei können sie zwei unterschiedliche Wege gehen: Belohnung oder Bestrafung. In den meisten Fällen wirken beide nicht.

Nach meinen Erfahrungen lässt sich ein angemessener Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen nur dann erreichen, wenn man die klassischen Methoden von Belohnung und Bestrafung durch Regelungen ersetzt, die jenseits von Gut und Böse sind. Als Basis für eine solche Lösung kommen Sie mit einem einzigen Grundprinzip aus, das Sie als Eltern aufstellen und das nicht verhandelbar ist: Wir möchten, dass du Freude am Spielen hast und dass du deine schulischen Aufgaben so gut erledigst, wie du kannst. Auf dieser Basis könnten sie das folgende Vorgehen begründen:
Nach deinen jetzigen schulischen Leistungen erlauben wir dir X-Stunden täglich bzw. wöchentlich, in denen du dich mit den Medien deiner Wahl beschäftigen kannst. Wenn sich deine schulischen Leistungen verbessern oder verschlechtern, wird die Stundenzahl entsprechend erhöht oder verringert.

Wichtig bei dieser Vorgehensweise ist, dass Ihr Kind den feinen Unterschied zwischen einem Belohnungs- und Bestrafungssystem und einem Bonus-Malus-Prinzip erkennen und fühlen kann. Vermitteln Sie ihm, dass Sie sich nichts mehr wünschen, als einen großzügigen Spielraum bei den Spielzeiten und dass Sie nicht das geringste Interesse an Bestrafung haben. Es sollte klar sein, dass es nur um Ursache und Wirkung geht. Manches Kind braucht etwas Zeit, um das zu verstehen. Sie können ihm das Verständnis erleichtern, indem Sie die Regelung ebenso emphatisch wie pragmatisch anwenden und sich dabei mit Lob und Tadel zurückhalten.

Wenn Sie Ihr Kind mit dem Bonus-Malus-Prinzip vertraut gemacht haben, stellt sich die Frage, wie Sie den Medienkonsum Ihres Kindes messen können. In den meisten Fällen kann man einem Kind oder Jugendlichen diesbezüglich ebenso wenig vertrauen, wie einem Hund, den man mit hundert Knochen in einem Raum allein lässt und es bei dem schriftlichen Hinweis belässt, dass täglich maximal zwei Knochen verzehrt werden dürfen. Um sich selbst und Ihrem Kind unnötigen Stress zu ersparen, könnten hier die inzwischen gut ausgereiften technischen Lösungen in Form von Zeitkontingentierungen helfen und bedingt auch das Einbehalten und Austeilen von technischen Geräten in Abhängigkeit vom Stand der erledigten schulischen Aufgaben. Vor allem bei letzterem kann es zu extremen Trotzreaktionen des Kindes kommen, bis hin zu Wutausbrüchen sowie verbalen und körperlichen Attacken. Wie in solchen Fällen mit der Messung und Regulierung des Medienkonsums umzugehen ist, kann nur individuell beurteilt und entschieden werden.

Stresssituationen im Zusammenhang mit Lern- und Spielzeiten lassen sich nicht völlig vermeiden. Sie können diese jedoch vermindern, indem Sie Ihrem Kind in einem zentralen Punkt helfen, der dessen Selbstorganisation erleichtern kann. Oft haben die verführerischen Medien gegenüber dem Lernen über den Lustbonus hinaus noch einen weiteren Vorteil, nämlich den der besseren Verfügbarkeit. Wenn man Kinder und Jugendliche an ihren Schreibtischen beobachtet, wird man feststellen, dass fast alle Lustmedien griffbereit sind, ohne dass sich jemand bücken, aufrichten oder vom Schreibtisch entfernen müsste. Bei den schulischen Aufgaben ist es oft umgekehrt. Im Idealfall sollte ein Schüler jederzeit eine Liste mit den zu erledigenden täglichen Aufgaben gut sichtbar und griffbereit auf seinem Schreibtisch vor sich liegen haben. Auch regelmäßig genutzte Lernmaterialien sollten erreichbar sein, ohne dass der Arbeitsplatz verlassen werden müsste.

Wenn alle Versuche scheitern, den Medienkonsum eines Kindes auf ein angemessenes Maß zu beschränken.

Nicht selten nimmt das Verlangen nach exzessivem Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen Suchtcharakter an. Das ist vor allem der Fall, wenn ein Schüler mit fast allem, was im Schulunterricht gelehrt wird, nichts anfangen kann. Dann kommt er täglich mit einem starken Lusthunger nach Hause und möchte mit der Schule am liebsten nichts mehr zu tun haben. Selbst das notdürftigste Erledigen von Hausaufgaben ist ihm manchmal schon zu viel. So taucht er nachmittags sofort in lustbetonte Betätigungen ein, bei denen die technischen Medien meist die Hauptrolle spielen. Die Schnittstelle zwischen Lustmodus und Lernmodus, der Punkt, wo er sich freiwillig vom Paradies in die Hölle begeben müsste, schiebt er so lange vor sich her, bis er entweder irgendwann wenigstens das Notwendigste erledigt oder sich damit abfindet, dass er vor seinen Aufgaben mal wieder gänzlich in die Lustzone geflüchtet ist und seine Pflichten vernachlässigt hat.

Eine weitere häufige Ursache, die nachmittags Fluchtreaktionen vor dem häuslichen Lernen auslösen kann, besteht darin, dass ein Schüler beim Lernen blockiert ist. Dies bedeutet nämlich einen zusätzlichen Wettbewerbsnachteil des Lernens vor den zahlreichen Fluchtmöglichkeiten in lustbetonte Beschäftigungen. Wenn das Lernen mühsam ist und darüber hinaus kaum Erfolgserlebnisse verspricht, dann wird jederzeit nach angenehmen Ablenkungen Ausschau gehalten, und das Lernen zieht sich endlos in die Länge, ohne dass die Ergebnisse dem Aufwand entsprechen.

Dies sind nur zwei Beispiele für Situationen, bei denen erhöhter Medienkonsum nicht allein durch elterliche Ratschläge oder technische oder organisatorische Maßnahmen in den Griff zu bekommen ist. Solange es Ursachen gibt, die Fluchtreaktionen in den exzessiven Medienkonsum auslösen, können technische Lösungen bestenfalls Symptome verringern. Nachhaltige Verbesserungen sind dann nur zu erzielen über Maßnahmen, durch die die Fähigkeit eines Schülers gestärkt wird, sich selbst zu motivieren und auf ausgewählte Ziele zu konzentrieren. In meiner Praxis wende ich dafür vor allem Übungen zur Selbstwahrnehmung an, die geeignet sind, die Selbststeuerung und Selbstorganisation zu verbessern.

Andreas Tenzer
Köln, Ende Januar 2018


Pädagogische Zitate der Woche

Hier erscheinen jede Woche drei neue Zitate zu den Hauptthemen Lernen, Konzentration, Motivation, ADS, Schule und Lernpädagogik.

15. Kalenderwoche

Zitat Nr. 1:

Man lernt nur von dem, den man liebt.

Meist zitiert wie oben, Originaltext: «Überhaupt», fuhr Goethe fort, «lernt man nur von dem, den man liebt. Eckermann, Gespräche mit Goethe, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 148

Zitat Nr. 2:

Ich ziehe. Du ziehst. Er zieht: Erziehung!

Andreas Tenzer in: Reissner, Hebebrand, Knollmann, Beratung und Therapie bei schulvermeidendem Verhalten, Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2015, FB 08

Zitat Nr. 3: 

Der Übereifer, mit dem manche Eltern die Tätigkeiten ihrer Kinder begleiten, indem sie gute Tipps verabreichen, ständig eingreifen und helfen, trägt dazu bei, die Kinder zu verunsichern, obwohl doch die Eltern ihren Kindern nur helfen wollen.

Horst Speichert, Schulangst, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 180