Aktuelles

Mai 2018 - Seit Anfang Mai haben sich die Wartezeiten deutlich verringert. Es gibt zurzeit keine Wartezeiten für die Kontaktaufnahme und regelmäßige Termine können in der Regel binnen zwei Wochen organisiert werden.
Ende April 2018 - Ein neues Aktuelles Thema wurde veröffentlicht.
Mitte März 2018 - Saisonal bedingt beträgt die Wartezeit für regelmäßige Termine zurzeit vier bis sechs Wochen.

Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen kurze Beiträge zu häufig gestellten Elternfragen.


Aktuelles Thema:


Mein Kind und sein Umgang mit unangenehmen Pflichten …

vergessen, verdrängen, vertagen, verschweigen, lügen ...


I. Was Jakob am liebsten vergisst ...

Jakob, zwölf Jahre, Lusttyp. Sein Gehirn verfügt über eine Automatik, die lustbetonten Beschäftigungen prinzipiell Vorrang vor unangenehmen einräumt. Er wäre ein Paradieskind, wenn er im Paradies leben würde. Doch Jakob ist als Erdbewohner den irdischen Gesetzen unterworfen, und die machen ihm und seinen Eltern das Leben nicht selten zur Hölle.

Seine Eltern mailen mir zunächst eine Liste von Gegenständen, die er häufiger vergisst. Neben den klassischen Schulmaterialien wie Hefte, Mäppchen oder Bücher sind auch Kleidungstücke betroffen wie Sportschuhe und Turnhose sowie diverse Gegenstände des täglichen Bedarfs wie etwa die Box für seine Pausenbrote. Da die meisten Sachen nicht wiedergefunden werden, entsteht durch Jakobs „Verpeiltheit“, wie seine Mutter es nennt, auch ein materieller Schaden.

Am meisten ärgern sich seine Eltern jedoch über das Vergessen von wichtigen Aufgaben und Pflichten. Seine Mutter schickt mir eine entsprechende Liste, wobei sie zwischen dem Vergessen in und nach der Schule unterscheidet.

Was Jakob in der Schule häufig vergisst:

  • Mitschreiben im Unterricht, einschließlich Abschreiben von der Tafel
  • regelmäßige Beteiligung am Unterricht
  • regelmäßige Einträge in sein Hausaufgabenheft
  • Sammeln, Ordnen und Einheften von Unterrichtsmaterialien
     


Was Jakob nach der Schule häufig vergisst:

  • die vereinbarte Startzeit für den Beginn mit den Hausaufgaben einzuhalten
  • Teile der Hausaufgaben, meist die unangenehmsten und zeitaufwändigsten
  • Wenn vor Klassenarbeiten ein gemeinsames Lernen verabredet wurde, vergisst er die Zeit und kommt erst wieder nach Hause, wenn es zu spät zum Lernen ist.
  • Wenn Freunde bei ihm übernachten oder er bei ihnen, vergisst er regelmäßig fast all seine schulischen und häuslichen Pflichten
  • Bestimmte häusliche Pflichten vergisst er fast immer und muss wiederholt daran erinnert werden, wie zum Beispiel Zimmer aufräumen, Schmutzwäsche in einen Korb legen, Hund ausführen.

 

II. Warum vergisst Jakob so viele Sachen?

Jakobs Vergesslichkeit hat natürlich nichts mit Alzheimer oder Demenz zu tun, sondern nur mit der genialen aber zweischneidigen Fähigkeit seines Gehirns, unangenehme Dinge automatisch ins Unbewusste zu verdrängen, ohne dass dazu ein bewusstes Vergessen erforderlich wäre. Bei einem Lusttyp wie Jakob funktioniert das so:
Wird ihm eine unangenehme Aufgabe aufgetragen, dann wird diese als To-do-Datei in seinem Gehirn abgespeichert. Ob dieser Auftrag später erledigt wird, hängt davon ab, ob er zu gegebener Zeit gegenüber konkurrierenden Handlungsimpulsen einen Lustüberschuss oder ein Lustdefizit aufweist. Angenommen, Jakob verspricht heute seiner Mutter, dass er morgen eine Stunde lang konzentriert für seine Mathearbeit lernt, die er übermorgen schreiben wird. Zum Zeitpunkt der Abgabe des Versprechens ist damit ein Lustüberschuss verbunden, da die Lust-Unlust-Abwägung auf diesen jetzigen Augenblick bezogen ist. Und in dieser Sekunde ist die potenzielle Unlust des morgigen Tages geringer im Verhältnis zu der unmittelbar drohenden Unlust, die einträte, wenn er sich weigern würde, sein Versprechen abzugeben. In diesem Fall müsste er mindestens mit einem unangenehmen Streitgespräch, vielleicht sogar mit Sanktionen rechnen.

Nun könnte man sich fragen, weiß Jakob zum Zeitpunkt der Abgabe seines Versprechens bereits, dass er es nicht einhalten wird? Diese Frage lässt sich weder mit ja noch mit nein beantworten. Ein Zitat von Friedrich Nietzsche verdeutlicht, warum:

Man kann Handlungen versprechen, aber keine Empfindungen; denn diese sind unwillkürlich.

Menschliches, Allzumenschliches, Werke I, 6. Aufl. Frankfurt/M u. a.: Ullstein, 1969, S. 491, Erster Band, Zur Geschichte der moralischen Empfindungen, Nr.58

Jakob kann zwar versprechen, am nächsten Tag für seine Mathearbeit zu lernen, nicht aber, wie viel Lust er dann dazu haben wird. Für ihn befindet sich die entsprechende Auftragsdatei bis zum nächsten Tag in einem Schwebezustand zwischen erledigen und nicht erledigen. Deshalb empfindet Jakob sein Versprechen zum Zeitpunkt der Abgabe auch nicht als Lüge und selbst nicht für den Fall, dass er es später nicht einhalten sollte, denn es fehlt der Vorsatz, es unter keinen Umständen einhalten zu wollen. Der Schwebezustand endet erst am folgenden Tag, spätestens in dem Augenblick, wenn es heißt to do, or not to do, wahrscheinlich aber bereits etwas früher. Am Tag der Einlösung des Versprechens liegt bei Jakob eine völlig veränderte Situation bezüglich der Lust-Unlust-Abwägung vor. Ich schildere nun zwei extreme Konstellationen, von denen die erste mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass er sein Versprechen hält und die andere, dass es nichts wird mit dem Lernen an diesem Tag.

Konstellation 1: Jakobs letzte Mathearbeit war mangelhaft. Er schreibt nur noch eine Arbeit vor den Sommerferien, von der abhängen könnte, ob er versetzt wird. Er möchte unbedingt bei seinen Klassenkameraden bleiben, zu denen auch seine beiden besten Freunde zählen. Der Tag des vereinbarten Lernens ist sehr regnerisch, so dass Jakob draußen nichts unternehmen kann. Zuhause kann er sich nicht vor dem Lernen drücken, da seine Mutter das nicht zuließe. Unter diesen Umständen fällt es ihm nicht so schwer, für die Mathearbeit zu lernen, auch wenn die mit dem Fach verbundene chronische Unlust durchaus spürbar ist. Die Waage mit den beiden Schalen pro und kontra Lernen neigt sich zugunsten der ersten, sodass das Versprechen eingehalten wird.

Konstellation 2: An diesem herrlichen Sommertag verabreden sich Jakobs Freunde mit ihm für den Nachmittag zum Fußballspielen. An das Lernen für die Mathearbeit denkt er überhaupt nicht. Erst als seine Mutter ihn zuhause daran erinnert, fällt es ihm wieder ein. Sie lässt ihn nur unter der Bedingung nach draußen, dass er um 17:00 Uhr am Schreibtisch sitzt und lernt. „Natürlich!“ lautet seine entschlossen klingende Antwort. Seine Mutter lässt ihn gehen, ist als gebranntes Kind aber skeptisch und natürlich behält sie recht. Um 19:20 Uhr trudelt Jakob ein, mit einem Hauch von schlechtem Gewissen, der aber nur vorgetäuscht ist. Er hatte einfach mal wieder die Zeit vergessen. Zwar ist er nach langem Verhandeln und Fluchen doch noch bereit, für die Klassenarbeit zu lernen, aber seine Mutter gibt nach einer halben Stunde verzweifelt auf, weil nichts in seinen Kopf hinein will. Er ist einfach zu ausgepowert, um sich aufs Lernen konzentrieren zu können.

III. Was kann Jakob tun, um seine Probleme mit dem Vergessen vergessen zu können?

Jedes individuelle Profil eines Schülers erfordert unterschiedliche Maßnahmen gegen das Vergessen. Doch es gibt ein paar Tricks, die den meisten Schülern dabei helfen können, wichtige Dinge immer seltener zu vergessen.

1. Dinge, die häufiger vergessen werden, auflisten und mittels einer Skala von 1 bis 10 bewerten - im Hinblick darauf, wie sehr sie als störend empfunden werden.

Es empfiehlt sich, dass Eltern und Kinder diese Liste unabhängig voneinander anfertigen, da die Einschätzungen eher selten übereinstimmen. Eltern machen oft den Fehler, dass sie, sobald eine „Störliste“ bezüglich des Vergessens vorliegt, diese möglichst schnell von A bis Z abarbeiten wollen. Dann ist die Frustration auf beiden Seiten vorprogrammiert, weil die Arbeit am Vergessen des Vergessens hart ist und die volle Konzentration auf jeweils einen, maximal zwei Punkte erfordert.

2. Programmiertechniken anwenden, die dafür sorgen, dass die zu erledigende wichtige aber unangenehme Aufgabe einen klaren und nachhaltigen Stempelabdruck im Gehirn hinterlässt.

Ähnlich wie beim Lernen von Vokabeln kann man sich die Arbeitsweise des Gehirns zunutze machen, die darin besteht, Inhalte um so intensiver abzuspeichern, je öfter sie wiederholt werden und um so mehr Programmiertechniken verwendet wurden. Wird zum Beispiel der Satz „Ich räume heute um 15:00 Uhr mein Zimmer auf“ fünfmal innerlich leise oder äußerlich laut ausgesprochen, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Auftrag erledigt wird, als wenn das Kind oder der Jugendliche nur routinemäßig uninspiriert auf die Aufforderung mit „Ja, mache ich“ reagiert.

Beim Lusttyp ist es besonders wichtig, dass das „Mantra“ nicht nur gedankenlos ausgesprochen oder aufgeschrieben, sondern auch an eine lustbetonte Vorstellung gekoppelt wird. Das kann eine direkte Belohnung sein, wie zum Beispiel etwas Lustvolles erst tun zu dürfen, wenn das Zimmer aufgeräumt ist oder das Ausbleiben von nervigen Ermahnungen und Beschimpfungen. Wenn ein Kind diese Technik beherrscht und anwendet, kann es nicht nur dem Vergessen, sondern auch dem Verdrängen entgegenwirken.

3. Zusätzlich zu den mentalen Programmiertechniken können auch physische Gedächtnisstützen verwendet werden in Form von Texten oder Symbolen.

Angenommen, auf der Prioritätenliste eines Schülers steht: In Mathe und besonders vor Klassenarbeiten bzw. Schulaufgaben sollen Tafelbilder und Tipps des Lehrers für eine gezielte Vorbereitung auf die Arbeit aufgeschrieben und in einen speziellen Ordner abgeheftet werden. Dann könnte sich der Schüler folgenden Text in Schriftgröße 28 auf einem DIN- A4-Blatt ausdrucken lassen: Mathe nächste Stunde mitschreiben und abheften! Dieses Blatt sollte dann drei Tage vor der Klassenarbeit gut lesbar und unübersehbar auf dem Schreibtisch des Schülers platziert werden, so dass der Auftrag möglichst oft wahrgenommen wird.

Bei manchen Schülern wirken Symbole besser als Texte. Entscheidend dabei ist, dass die Symbole mit dem Auftrag klar und einfach verknüpft sind. Es empfiehlt sich, die Auswahl eines Symbols dem Schüler zu überlassen. Die Liste von Symbolen, die verschiedene meiner Schüler als Gedächtnisstütze verwendet haben ist lang und reicht vom Stofftier über den Talisman bis zum Tischtennisball in der Hosentasche.

IV. Warum allgemeine Tipps oft in der Praxis nicht funktionieren ...

Wenn etwas im eigenen Leben oder in dem der Kinder nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht, dann ist es menschlich, nach einfachen Lösungen Ausschau zu halten, nach dem Prinzip: Wenn ich dies mache, wird jenes geschehen. Je komplexer ein System, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht. Wenn es um das Vergessen, Verdrängen bis hin zum Lügen geht, hat jeder Schüler sein individuelles System, das ihn auf eine spezifische Weise vergessen, verdrängen und schließlich lügen lässt.

Wer glaubt, nachhaltig wirksame Lösungen zu finden, ohne zu verstehen, warum ein Kind sich so oder so verhält, wird an der Oberfläche bleiben und deshalb bestenfalls auch nur oberflächliche Korrekturen erreichen können. Nur wenn ich genau weiß, wie mein Kind tickt, kann ich es ihm ermöglichen, unvorteilhafte Automatismen durch bewusste, effiziente Steuerung zu ersetzen.

Im Vergessen und Verdrängen eines Kindes steckt gewöhnlich mehr Wahrheit und Wirklichkeit als in den Tipps, mit denen Ratgeber der verschiedensten Art es bombardieren. Deshalb müssen Pädagogen wie Eltern zunächst einmal JA! Sagen können zu dem Widerstand, den ein Kind dem aus der Erwachsenenperspektive vernünftigen Umgang mit den schulischen Anforderungen entgegensetzt. Kinder haben ein Recht darauf, nicht zu realisieren, dass die Befriedigung der unmittelbaren Lust (Lustprinzip) auf Dauer weniger Lust bereitet als der Verzicht darauf zugunsten einer aufgeschobenen aber auf lange Sicht größeren Lust (Realitätsprinzip).

Der unbedingte Vorrang des Lustprinzips gegenüber dem Realitätsprinzip - als dem auf Dauer effizienteren Lustprinzip – ist ein kindliches Phänomen und ein kindisches, wenn man im Erwachsenenalter noch immer nicht erkannt hat, dass man sich damit dauerhaft auf Unlust programmiert. Genau das ist der Grund, warum Eltern sich oft die Zähne ausbeißen, wenn sie versuchen, ihrem Kind vernünftiges Verhalten anzutrainieren. Dieses lässt sich jedoch nicht eintrichtern. Nach meinen Erfahrungen sind hier nachhaltige Erfolge nur möglich, wenn man das Kind in die Lage versetzt, sich selbst dabei zu beobachten, wie es die Lust sucht und sich immer wieder in der Unlust wiederfindet. Erst dann hat es – auf der Basis von eigenen Erfahrungen – die Möglichkeit, immer häufiger Widerstände zu überwinden, zu beobachten wie sie sich nach der Überwindung in Belohnungen verwandeln und daraus die Entschlossenheit zu gewinnen, nicht immer gleich beim ersten Frust die Segel zu streichen und stattdessen Erfolg als eine Straße zu erleben, die mit kleinen Steinen der Frustration plus deren Überwindung gepflastert ist.

Wenn Sie zum Beispiel den Tipp, das Vergessen mit Gedächtnisstützen zu überwinden, bei Ihrem Kind umsetzen möchten, vergessen Sie bitte nicht, vorher abzuklären, welche spezifischen Gründe Ihres Kindes für das Vergessen und Verdrängen maßgeblich sind. Das ist die Voraussetzung dafür, dass aus einem stereotypen Tipp eine innere Motivation entstehen kann, die dazu führt, dass nicht geistlos auf einen vorbereiteten Text oder ein ausgewähltes Symbol geschaut wird, sondern dass Ihr Kind diese Stützen freiwillig und bewusst als Hilfen gegen das Vergessen einsetzt.

Zum Schluss noch ein Hinweis für den Fall, dass Sie sich als Eltern damit schwertun, Ihrem Kind das Vergessen, Verdrängen und vielleicht auch das Lügen abzugewöhnen. Vor Ihnen haben bereits unzählige Eltern vor dieser schwierigen Aufgabe kapituliert. Deshalb empfehle ich Ihnen, sich mit kleinen, stetigen Erfolgen zufriedenzugeben, statt das Problem mit einem großen Wurf lösen zu wollen. Das Thema hat weit über die schulischen Belange Bedeutung für Ihr Kind, und deshalb macht es Sinn, hier weniger auf den schnellen als auf den nachhaltigen Erfolg zu setzen.

Köln, Ende April 2018

Pädagogische Zitate der Woche

Hier erscheinen jede Woche drei neue Zitate zu den Hauptthemen Lernen, Konzentration, Motivation, ADS, Schule und Lernpädagogik.

25. Kalenderwoche

Zitat Nr. 1:

Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden.
Viktor Frankl, Das Leiden am sinnlosen Leben, Herder Verlag, Freiburg i.B., 1977, S. 28

Zitat Nr. 2:

Das Ausmaß des Behaltens von dargebotenem Material ist abhängig von der zugewandten Aufmerksamkeit, und diese wiederum ist bei Menschen oft das Produkt der Tiefe der Verarbeitung der entsprechenden Information.
Manfred Spitzer, Nervensachen - Geschichten vom Gehirn, 1. Auflage Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2005, S. 204

Zitat Nr. 3:

Gleichgültig, auf welche Weise Eltern ihr Kind anblicken - der Blick wird sich auf die Gefühle des Kindes auswirken und kann sein Verhalten tiefgehend beeinflussen.
Alexander Lowen, Bio-Energetik, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 248