Aktuelles

September 2018
Es liegt ein neuer aktueller Beitrag vor zu dem Thema: Warum hört mein Kind oft nicht aufmerksam zu?


Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen kurze Beiträge zu häufig gestellten Elternfragen.


Aktuelles Thema:

Warum hört mein Kind oft nicht aufmerksam zu?

Wie Stimmungen, Stimmen und Gesichtsausdrücke das Lernen beeinflussen ...

I. Die (de)motivierende Kraft von Wort und Bild


Die inneren Gründe, warum Kinder schnell abgelenkt sein können, habe ich auf der Unterseite Hausaufgaben: Konzentration und Motivation bereits ausführlich beschrieben, während ich die äußeren Gründe dort in Kapitel V. nur kurz angesprochen habe. In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt beim Einfluss der Eltern auf die Motivation und Konzentration ihres Kindes, insbesondere bezüglich des häuslichen Lernens und der dabei vorherrschenden Stimmung.

Was auch für Erwachsene gilt, nämlich dass die jeweilige Stimmungslage unmittelbaren Einfluss auf die Motivation und Konzentration hat, trifft auf Kinder und Jugendliche in besonderem Maße zu. Mit einer einzigen Botschaft, die wir über unserer Stimme und unseren Gesichtsausdruck einem Kind überbringen, können wir die Hirnkanäle und -areale, die es zur Lösung einer bestimmten Aufgabe braucht, öffnen oder verschließen, weiten oder blockieren. Je höher die Sensibilität und Sensitivität des Kindes, desto größer ist der Einfluss der Personen, die direkt oder indirekt an dessen Lernprozessen beteiligt sind.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Dieses Sprichwort, bringt die herausragende Bedeutung von Bildern in der Kommunikation auf den Punkt, und auch dieser Spruch gilt für Kinder und Jugendliche noch mehr als für Erwachsene. Der Zeitpunkt, wo sich ihnen die Welt überwiegend über das Sehen und Ertasten erschlossen hat, liegt nur wenige Jahre zurück. Doch es gibt einen weiteren Sinn, der von Anfang an die Stimmungen und Aktivitäten des Kleinkindes stark beeinflusst: das Hören. Noch bevor es den Sinn von Worten erschließen kann, wirkt sich das ausgesprochene Wort auf die Stimmung des Kindes aus. Dessen Schwingungen können das Kind beruhigen, aber auch so sehr auf die Nerven gehen, dass es zu schreien beginnt. Stimmen sind hörbare Stimmungen. Über diese öffnen oder verschließen sie das Ohr, für das die Worte bestimmt sind.

Stellen diese Überlegungen das oben zitierte Sprichwort infrage? Nein, doch es bedarf einer Differenzierung bezüglich des Begriffs „Worte“. Es gilt nämlich auch: Ein ausgesprochenes Wort sagt mehr als tausend gedruckte. Zu meiner eigenen Schulzeit hat mich die Lektüre von Shakespeares Macbeth zunächst gelangweilt, bis mein Englischlehrer einmal einen Zweizeiler aus der Hexenszene ebenso theatralisch wie sprachlich pointiert vortrug, sodass ich noch heute bei einem Gewitter meinen Englischlehrer  manchmal vor mir sehe und ihn sprechen höre:
„Double, double toil and trouble //
Fire burn, and cauldron bubble.“
Von einer Sekunde auf die andere ist damals meine Motivation, mich intensiv mit dem Drama zu beschäftigen, dramatisch gestiegen. Wenige Tage später besorgte ich mir als Sechzehnjähriger eine zweisprachige Shakespeare-Gesamtausgabe.

Dass Bilder und ausgesprochene Worte eine ungeheure Kraft haben können, führt uns die Werbung täglich vor Auge und Ohr. Und so ist es wohl kein Zufall, dass das erste oben zitierte Sprichwort aus der Werbebranche stammt. Werbung möchte bekanntlich weniger informieren, als uns zum Kauf verführen. Wenn Lehrer Schülern heutzutage Wissen vermitteln oder Eltern ihren Kindern beim Lernen helfen wollen, dann treten sie, ob sie wollen oder nicht, mit den ausgebufften Werbespezialisten in Konkurrenz, die es verstehen, Kinder und Jugendliche zum Konsum zu verführen und an den Konsum zu binden, durch Produkte, die das Belohnungszentrum, Abteilung unmittelbare Lustbefriedigung, perfekt bedienen. Das Smartphone, als das vielleicht populärste technische Medium für die heutigen Schüler, sitzt in den meisten Wohnungen mit am Tisch, wenn offizielle Lernzeiten abgearbeitet oder abgesessen werden, unabhängig davon, ob es physisch greifbar ist, oder nicht.

II. Wie viele Eltern ihre Kinder daran hindern, zu Hause motiviert und konzentriert zu lernen.


Egal, ob Sie als Eltern Ihr Kind beim häuslichen Lernen unmittelbar begleiten oder nur durch Appelle und Kontrollen Einfluss zu nehmen versuchen, Sie befinden sich stets in einer Konkurrenzsituation mit schulfremden Angeboten, die mehr unmittelbare Lustbefriedigung versprechen und halten, als es das anstehende Lernpensum vermag. Wie können Sie nun als Eltern in einer solchen Situation Ihr Kind dazu bringen, auf die unmittelbare Lustbefriedigung zu verzichten zugunsten einer späteren, größeren Belohnung in Form von guten Schulnoten, Berufsaussichten usw.? In den meisten Fällen können Eltern ihren Kindern am wirksamsten helfen durch: Unterlassung! Ein Spruch von Wilhelm Busch, den der Philosoph Odo Marquard geschickt abgewandelt hat in: „Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt“ - bringt den Kardinalfehler auf den Punkt, der täglich in Millionen von Haushalten von Eltern begangen wird, die mit ungeeigneten Mitteln versuchen, ihr Kind zu konzentriertem und effizientem Lernen zu bewegen.

Die Eltern handeln aus den besten Absichten. Sie sehen, dass ihr Kind zu Hause nicht effizient lernt, dass die Schulnoten darunter leiden, und deshalb möchten sie an der Situation etwas ändern. Ich schildere nun ein extremes Beispiel, das nicht so selten vorkommt, wie man vermuten könnte:
Die Eltern haben sich seit einem Jahr bemüht, Ihr Kind zu selbständigem und konzentriertem häuslichen Lernen anzuleiten – ohne nennenswerten Erfolg. Sie haben ihrem Kind wiederholt erklärt, wie wichtig die Schule für das Leben ist und ihm immer wieder gesagt „Nun konzentriere dich doch endlich!“ „Schau nicht auf dem Fenster!“ „Wenn du so weiter machst, bist du heute Abend noch nicht mit deinen Hausaufgaben fertig!“ Inzwischen haben sich die Gesichter beim gemeinsamen häuslichen Lernen immer mehr verfinstert, besonders bei der Mutter, die ihren Sohn bei den Hausaufgaben mehr oder weniger intensiv begleitet. Dabei ist ihre Stimmfrequenz deutlich überhöht und fast alles, was sie sagt, hört sich für ihren Sohn teils hilflos, teils vorwurfsvoll an. Wenn er sie so erlebt, möchte er am liebsten die Flucht ergreifen. In gewisser Weise tut er das auch in Form von Trödeln, Wegträumen, Blockieren, Nerven usw.

Hier könnte man die Frage nach Ursache und Wirkung stellen. Ist die Mutter ständig genervt, weil Sohn oder Tochter nicht konzentriert und effizient lernen, oder sind die Kinder unkonzentriert, weil Vater oder Mutter beim gemeinsamen Lernen gestresst sind und sie als Kinder damit ausgelastet sind, sich vor den aus deren Gesichtern und Stimmen strahlenden negativen Schwingungen zu schützen? Natürlich müsste man beide Fragen mit Nein beantworten, weil es in der Kommunikation immer um Wechselwirkungen geht. Doch nun kann man die entscheidende Frage stellen:
Was können Kinder und Eltern dazu beitragen, dass das häusliche Lernen entspannter verläuft und effizienter wird?

III. Wie Eltern ihren Kindern das häusliche Lernen erleichtern können.


Im Prinzip lässt sich diese Frage in einem Satz beantworten. Die Kinder können dazu beitragen, indem sie jeden Tag in der Woche bereit sind, sich im Rahmen ihrer kognitiven Fähigkeiten und situativen mentalen und physischen Energie beim nachmittäglichen Lernen einzubringen, und den Eltern fällt die Aufgabe zu, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die dem Kind das Lernen so leicht wie möglich machen.

Die wichtigsten Rahmenbedingungen sind der mentale, emotionale und physische Zustand der am Lernen beteiligten Personen. Haben diese zum Zeitpunkt des Lernens einen klaren Kopf, sind ihre Gefühle nicht von etwas so stark in Bewegung geraten, dass fast alle Gedanken um sie kreisen, ist der Körper nicht durch Krankheit oder Müdigkeit geschwächt, dann kann man von guten Rahmenbedingungen sprechen. Auch wenn es nicht immer möglich ist, diese Bedingungen voll zu erfüllen, so sollten die Eltern sie dennoch vor und während jeder Lernsession im Auge behalten. Bei zwei am Lernen beteiligten Personen gibt es insgesamt sechs Faktoren, die zu berücksichtigen sind. Im schlimmsten Fall sind also null und im besten sechs Bedingungen erfüllt. Sind es weniger als die Hälfte, dann ist ein konzentriertes und effizientes häusliches Lernen fast unmöglich.

Für meine Schüler und deren Eltern habe ich eine Reihe von Selbstbeobachtungsübungen entwickelt, die es ermöglichen, den dreifachen Check schnell und zuverlässig bei sich selbst durchzuführen. Gute Autodidakten können auch ohne diese Übungen die jeweiligen Rahmenbedingungen relativ gut einschätzen, indem sie vor einer Lernsession in einer entspannten Liegeposition ihr Spürbewusstsein nach einander auf die drei Punkte lenken und diese jeweils auf einer Skala von null bis zehn bewerten (aufsteigend von Bedingung nicht erfüllt bis sehr gut erfüllt). Wenn man die Technik einmal beherrscht, kann man auf die Übung verzichten und die jeweiligen Zustände intuitiv einschätzen. Und ist das Spürbewusstsein für die eigenen Befindlichkeiten erst einmal gut entwickelt, kann man es auch dazu benutzen, um sich die Qualität der eigenen Stimme und des Gesichtsausdrucks bewusst zu machen:
Bewegt sich meine Stimme in einem monoton hohen Frequenzbereich, oder verfügt sie über eine Bandbreite, die es mir ermöglicht, meine Stimmungen authentisch zum Ausdruck zu bringen? Angenommen, man würde während einer Lernsession mit meinem Kind mein Gesicht tausendmal fotografieren und die Bilder an einer großen Wand aufhängen, würden diese Schnappschüsse dann beim Betrachter angenehme Gefühle auslösen, ihm Kraft geben und ihn motivieren, oder wäre das Gegenteil der Fall?

In meiner Praxis wird mir täglich vor Augen geführt, wie sehr die eigene Stimmung, die Stimme und der Gesichtsausdruck darüber entscheiden, wie aufmerksam Kinder und Jugendliche in bestimmten Situationen sind. Die Präsenz des Erwachsenen wirkt auf das Kind wie ein gesundes Aufputschmittel und die fehlende Präsenz wie ein Schlafmittel oder eine halluzinogene Droge, die zum Träumen animiert. Als Erwachsene sind wir dem Kind diese Präsenz schuldig, deren Kennzeichen unter anderem eine wohlklingende Stimme sowie lebendige, wohlwollende Augen sind, und wir begehen einen doppelten Fehler, wenn wir das Kind auch noch für die Folgen unserer mangelnden Präsenz allein verantwortlich machen.

Kaum ein Kind erreicht das Erwachsenenalter, ohne mindestens einmal den Spruch vernommen zu haben: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Manche Eltern vergessen, dass diese Aussage auch umgekehrt für das gilt, was sie in Ihr Kind hineinrufen. Das folgende Sprichwort bringt auf den Punkt, worauf es ankommt, wenn wir unseren Gedanken und Gefühlen über die Stimme Ausdruck verleihen:
„Ein arabisches Sprichwort sagt, dass jedes unserer Worte durch drei Tore gehen sollte, ehe wir es aussprechen. Am ersten Tor fragt der Pförtner: «Ist es wahr?» Am zweiten Tor heißt es: «Ist es notwendig?», und am dritten Tor lautet die Frage: «Ist es auch freundlich?» Ein Meister des Wortes spricht nur das Wesentliche, und das perfekt in der Emotion, der Stimmlage, der Wortwahl.“
Annette Cramer: Das Buch von der Stimme, Düsseldorf, Zürich: Verlag Walter, 1998, S. 29

Sollten Sie als Mutter oder Vater noch Luft nach oben sehen bezüglich der Art und Weise, wie Sie mit Ihrem Kind über Stimme und Gesichtsausdruck kommunizieren, und sollten Sie schließlich beim häuslichen Lernen erfolgreich daran gearbeitet haben, Ihren eigenen Anteil zu verbessern, dann werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon bald positive Veränderungen bei Ihrem Kind registrieren. Es kann aber auch passieren, dass Sie zunächst keine nennenswerten Änderungen feststellen können. Oft bilden sich beim häuslichen Lernen blockierende Mechanismen und Rituale heraus, die sehr hartnäckig sein können. Bei manchen Kindern sind die Fluchtreaktionen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie auch dann noch von ihnen Gebrauch machen, wenn die Gründe, die sie haben entstehen lassen, nicht mehr vorliegen. Dann ist es wichtig, dass Sie nicht ungeduldig werden, jeden auch noch so kleinen Fortschritt wahrnehmen und Ihr Kind loben, wenn es sich beim Lernen punktuell konzentrierter und konstruktiver verhält als vorher.

Geduld sollten Sie aber vor allem mit sich selber haben. Insbesondere bei Familien mit mehreren Kindern ist es für die Eltern oft schwierig das innere Gleichgewicht zu bewahren. Bei hoher Stressbelastung im Alltag kann man nicht durchgängig in der Stimmung sein, die Kinderohren- und herzen öffnet. In solchen Fällen können Selbstvorwürfe die Sache nur noch verschlimmern. Stattdessen sollten Sie auf ein gemeinsames häusliches Lernen verzichten, wenn die Umstände, wie ich sie weiter oben beschrieben habe, besonders ungünstig sind. Entwickeln Sie ein Gespür für den günstigen Augenblick, für den die alten Griechen sich einen eigenen Gott geleistet haben, den sie Kairos nannten. Handeln Sie dann, und nur dann, wenn Ort und Zeit dafür günstig sind!

Und wenn die günstigen Augenblicke zu selten sind? Wenn Lehrer Sie schließlich auf fehlende oder unzureichende Hausaufgaben ansprechen? - Dann erklären Sie ihnen, warum für Sie eine fehlende Hausaufgabe ein kleineres Übel ist als ein Kind, das täglich mehr Widerstände gegen das Lernen entwickelt, immer frustrierter wird und so das Familienklima insgesamt negativ beeinflusst. Auch wenn manche Lehrer/innen das nicht verstehen, sollten Sie Ihren neuen Kurs unbeirrt fortsetzen, sofern Sie von seiner Richtigkeit überzeugt sind. Auf lange Sicht sind nicht die gebrochenen, durch mangelnde Präsenz und Wohlwollen zum furchtbaren Lernen gezwungenen und am fruchtbaren Lernen gehinderten Schüler die erfolgreicheren und glücklicheren, sondern die Kinder, deren Lehrer ihnen in der Schule wie auch zu Hause Augen und Ohren öffnen, für eine lehrreiche Welt voller spannender Geheimnisse, die sie sich aus dem eigenen kindlichen Interesse heraus immerzu lernend erschließen wollen.

Köln, September 2018

Pädagogische Zitate der Woche

Hier erscheinen jede Woche drei neue Zitate zu den Hauptthemen Lernen, Konzentration, Motivation, ADS, Schule und Lernpädagogik.

42. Kalenderwoche

Zitat Nr. 1:

Immer noch sprechen die Schulbehörden von Einzelfällen, doch nach einer Studie des Erziehungswissenschaftlers Volker Krumm aus dem Jahr 2001 sind 900 000 Schüler im deutschsprachigen Raum von Lehrermobbing betroffen.
Bettina L'Habitant, Du machst Schule!, 1. Aufl. 2012, München: Südwest-Verlag, S. 67

Zitat Nr. 2:

Wer Macht demonstriert, offenbart seine Ohnmacht.
Andreas Tenzer in: Die 38-Stunden-Woche für Manager, Daniel Walther, Berlin: Springer-Verlag, 2013, S. 37

Zitat Nr. 3:

Denn nur für das, was einem Menschen wichtig ist, kann er sich auch begeistern, und nur wenn ein Mensch sich für etwas begeistert, kommt in seinem Gehirn die Gießkanne mit dem Dünger in Gang, werden all jene Netzwerke ausgebaut und verbessert, die der betreffende Mensch in diesem Zustand der Begeisterung nutzt.
Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten - Ein neurobiologischer Mutmacher, 5. Aufl. 2011, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 94