Konzentration zwischen Mythos und Wirklichkeit

Themenübersicht

  1. Konzentration und Motivation
  2. Wurzelbehandlung statt Symptombekämpfung
  3. Der blockierte Schüler oder der Angsttyp
  4. Der unmotivierte Schüler oder der Lusttyp
  5. Vom Potenzial zur Leistung


Konzentrationsstörungen und Motivationsprobleme – Nur neue Namen für ein uraltes Phänomen?

Jeder Schüler kann sich konzentrieren, sofern keine neurologische Störung vorliegt und die notwendigen Rahmenbedingungen dafür gegeben sind. Der Mythos von den zunehmenden Konzentrationsstörungen bei Schülern ist eine Halbwahrheit. Zutreffend ist, dass die Zahl von Schülern, bei denen Konzentrationsstörungen diagnostiziert werden, in den letzten 20 Jahren zugenommen hat.

Wenn früher ein Schüler schlechte Noten nach Hause brachte, gab es dafür meist zwei schlichte Erklärungen: Dummheit oder Faulheit. Beides können sich Schüler und Eltern im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr leisten. Not macht erfinderisch, und so leidet der Schüler von heute unter Konzentrationsstörungen, ADS, ADHS usw. Wirtschaft und Industrie verdienen gut an mythischen Mitteln wie etwa Konzentrationstraining, Nachhilfe oder medikamentöse Behandlung, die allesamt die Wurzeln des Übels unangetastet lassen. Die klassischen Konzentrationsübungen, bei denen man unentwegt etwas ausfüllen oder ankreuzen muss, helfen deshalb nicht, weil sie einem Schüler nur seine Unkonzentriertheit spiegeln, statt ihm Tipps zu geben, wie er sich besser konzentrieren könnte. Und die Nachhilfe verhilft ihm bestenfalls mit hohem Aufwand zu besseren Schulnoten, nicht aber zu besseren Lernmethoden.

Nach meinen Erfahrungen können diese "Heilmittel" bestenfalls die Symptome für eine gewisse Zeit lindern, manchmal richten sie sogar mehr Schaden an, als dass sie nachhaltig nützen. In einem Punkt aber haben die Vertreter der Diagnose "Konzentrationsstörung" recht: Die Konzentrationsleistung von Kindern und Jugendlichen in der Schule und bei den Hausaufgaben nimmt tatsächlich ab, was zahlreiche Untersuchungen bestätigen, wie zum Beispiel eine Studie der DAK aus dem Jahr 2016.

Bei der Arbeit mit meinen Schülern habe ich nach den tieferen Ursachen dafür geforscht. Die wichtigsten Ergebnisse seien hier vorweggenommen und dürften kaum überraschen:

1. Schüler sind heute weder dümmer noch fauler. Besonders in den letzten zwanzig Jahren haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Schule, Arbeit und Familie in einem  atemberaubendem Tempo verändert und die Vielfalt der medialen Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche nimmt kontinuierlich zu.
2. Die Tatsache, dass die meisten Schüler sich konzentrieren können, wenn ihnen eine Sache Spaß macht, zeigt, dass Konzentrationsstörungen in der Regel motivationsabhängige Steuerungsprobleme sind.

Hölderlin hat einmal gesagt: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Die systemische Methode sieht das Rettende weder in der Verdrängung noch in der Symptombehandlung, sondern in der systematischen Aufarbeitung und gezielten Umsetzung aller Faktoren, die für eine gute oder schlechte Konzentration maßgeblich sind. Bevor ich auf den folgenden Seiten näher darauf eingehe, möchte ich zwei klassische Schülertypen mit den entsprechenden Konzentrationsstörungen skizzieren:

Zwei klassische Schülertypen

Computer und Smartphones sind für den Lusttyp besonders verführerisch,
weil sie ihm viele Möglichkeiten zur unmittelbaren, auf die eigenen Bedürfnisse

Kinder Handy Medien
zugeschnittenen Lustbefriedigung bieten. In der Schule müssen sie stets
 tun, was andere von Ihnen erwarten. Bei den modernen Medien ist es
umgekehrt. Sie setzen gehorsam alles um, was die Kids ihnen befehlen.

Der Lusttyp kann sich deshalb schlecht auf seine schulischen Belange konzentrieren, weil er fast immer etwas findet, was ihm mehr Spaß bereitet als das Lernen oder das Erledigen von Hausaufgaben. In der Schule beschäftigt er sich lieber mit seinen Mitschülern als mit dem Unterrichtsgeschehen, und bei den Hausaufgaben ergreift er jede sich bietende Gelegenheit, um für angenehme Ablenkungen zu sorgen, wie etwa Computer, Musik oder Comics. Versuchen Eltern, ihn zu beaufsichtigen oder beaufsichtigen zu lassen, reagiert er meist mit "Dienst nach Vorschrift", was darauf hinausläuft, dass er nur ein Minimum dessen leistet, was in der aufgewendeten Zeit möglich gewesen wäre.

Auch der Angsttyp kann sich schlecht konzentrieren, jedoch aus anderen Gründen. Im Gegensatz zum Lusttyp ist er eher übermotiviert und wie dieser kann er Stunden mit dem Erledigen von Hausaufgaben verbringen, die bei konzentriertem Arbeiten in weniger als einer Stunde zu schaffen gewesen wären. Anders als beim Lusttyp ist seine Flucht in Ablenkungen der verschiedensten Art weniger ein Hinzu in lustbetonte Aktivitäten als ein Wegvon aus den frustrierenden Hausaufgaben, die ihm wegen seines lernblockierten Kopfes nicht gelingen wollen. Die Bedeutung, die Eltern, Lehrer und Gesellschaft der Schule beimessen, hat er verinnerlicht und will ihr unbedingt gerecht werden. Indem er sich selbst am meisten unter Druck setzt, verkrampft er, versagt deswegen und entwickelt schließlich eine chronische Lernblockade, die im Wesentlichen Versagensangst ist. Sie hindert ihn daran, die Leistungen zu zeigen, zu denen er aufgrund seines Potenzials imstande wäre.

Diese beiden Schülertypen kommen selten in Reinform vor. In der Regel tendieren Schüler mit Konzentrationsstörungen aber eher zu dem einen oder anderen Extrem. Beide haben auch etwas Gemeinsames, nämlich dass sie sich leicht ablenken lassen: der Lusttyp, weil er sich von Beschäftigungen mit einem höheren Spaßfaktor angezogen fühlt; der Angsttyp, weil er vor einer angstbesetzten, frustrierenden Beschäftigung flieht. Im Kern unterscheiden sich die beiden Typen dadurch, dass der Lusttyp wie ein Schmetterling stets den Nektar der nahen Blüten vor Augen hat und ohne schlechtes Gewissen sich allen Befehlen zu widersetzen versucht, die darauf hinauslaufen, über ein blütenloses Feld zu fliegen. Der Angsttyp hingegen fliegt gehorsam die Route, die man von ihm verlangt, und hat damit so lange Erfolg, wie er für seine Mühen am Ende belohnt wird mit besonders nektarreichen Blüten in Form von guten Schulnoten und der damit verbundenen Anerkennung von Lehrern, Mitschülern und Eltern.

Bei einem besonders ehrgeizigen und/oder sensiblen Schüler können bereits einzelne Misserfolge ausreichen, um ein gefährliches Blockadesystem in Gang zu setzen, das große Teile des Gehirns lahmlegt und so verhindert, dass er das Ziel erreicht, auf das er sich gut und mühevoll vorbereitet hat. Geschieht dies häufiger, dann kann sich eine fächerspezifische Lern- und oder Prüfungsblockade herausbilden, im schlimmsten Fall eine Potenzialblockade, bei der auch der außerschulische Bereich betroffen ist. Ausführliche Informationen zu den Abschweifungsmodus des Lusttyps und den Blockademustern des Angsttyps finden Sie auf den Seiten Blockaden und Lernblockaden sowie Hausaufgaben Motivation und Konzentration.

Da jeder Schüler einzigartig ist, gibt es nach meiner Erfahrung keine Methode, die auch nur auf zwei unterschiedliche Schüler gleichermaßen angewendet werden könnte. Für jeden Einzelnen muss ein individuelles Konzept erstellt werden, das auf Alter, Persönlichkeit und die spezifische Situation eines Schülers abgestimmt ist. Ein solcher ganzheitlicher Ansatz wird auch als systemische Methode bezeichnet. Darauf aufbauend habe ich auf den folgenden Seiten verschiedene Maßnahmen zusammengetragen, mit deren Hilfe Motivation, Konzentration und Lernleistung eines Schülers verbessert werden können und in der Folge auch die Hausaufgaben mit höherer Qualität und geringerem Zeitaufwand erledigt werden können.