Was stört die Konzentration?

 

Konzentrationsstörungen als systemischer Komplex

Wenn ein Schüler unter einer Konzentrationsstörung leidet, ist dafür gewöhnlich nicht nur eine Ursache verantwortlich, sondern ein Komplex von verschiedenen Faktoren, die in unterschiedlichem Maße dafür verantwortlich sind, dass das Kind oder der Jugendliche sich nicht gut konzentrieren kann.
Nach meinen Erfahrungen sind die folgenden 20 Punkte für die Konzentrationsfähigkeit eines Schülers entscheidend.

Konzentrationsstörungen: 20 Punkte, die die Konzentration schwächen

 

Innere Ablenkungen

Dieser Schülertyp ist kontinuierlich starken inneren Impulsen ausgesetzt, die er in der Regel nicht steuern kann. Seine Impulsivität macht es ihm sowohl schwer, eigene Gedankengänge konsequent zu Ende zu denken als auch Gesprächspartnern oder Lehrpersonen über einen längeren Zeitraum aufmerksam zuzuhören. Permanent wird er von Eingebungen und Reizen überflutet, die er nicht aufschieben kann. So sind seine Gedanken und Handlungen sprunghaft und wenig systematisch.
Symptome der Konzentrationsstörung: geringe Steuerungsfähigkeit und Anpassungsdefizit – Reizüberflutung durch innere Impulse

Äußere Ablenkungen

Hier kommen die Störungen der Konzentration eher von außen. Dieser Schülertyp will alles, was um ihn herum geschieht, mitbekommen. Er ist kaum in der Lage, sein Aufmerksamkeitsfeld zu begrenzen und folgt bereitwillig jedem äußeren Reiz, der in sein Wahrnehmungsfeld eindringt. Das erschwert ein konzentriertes Arbeiten. Manche Schüler sind besonders empfänglich für akustische Störreize. Im Schulunterricht, bei Klassenarbeiten sowie beim Erledigen der Hausaufgaben können störende Geräusche ihre Konzentrationsfähigkeit um mehr als 50 Prozent verringern.
Symptome der Konzentrationsstörung: Probleme beim Ausblenden von störenden Reizen - Reizüberflutung durch äußere Impulse

Mangel an Motivation

Diese Schüler stehen mit bestimmten Lerninhalten auf Kriegsfuß, manche sogar mit fast allem, was mit dem Thema Schule zu tun hat. Sie haben eine teils bewusste, teils unbewusste Abwehrhaltung gegen Lerninhalte oder Lehrpersonen aufgebaut, die es ihnen erschwert, das abgelehnte Wissen im Gedächtnis zu speichern und später abzurufen. Solange jemand massive psychische Barrieren gegen einen Lerninhalt aufbaut, helfen weder Nachhilfe noch Strafen noch Konzentrationstraining. Das Gedächtnis tut, was der Lernende will: Es streikt!
Symptome der Konzentrationsstörung: schwaches Langzeitgedächtnis – geringe Lerneffizienz

Mangelhafte Selbstwahrnehmung

Man ist kaum in der Lage, seine eigenen Gedanken zu beobachten, noch weniger, welche Gefühle sie begleiten und zu welchen Handlungen sie führen. Dieser Typ findet sich nacheinander in verschiedenen Gemütszuständen wieder, ohne mitzubekommen, wie zum Beispiel Lust in Unlust oder eine konzentrierte Haltung in eine unkonzentrierte umkippt. Bei Klassenarbeiten oder dem Erledigen von Hausaufgaben zum Beispiel kann ein solcher Schüler für längere Zeit wegtraümen, ohne es zu bemerken. Am Ende wundert er sich dann, wo die Zeit geblieben ist.
Symptome der Konzentrationsstörung: Unfähigkeit, die eigenen Gedanken und Vorstellungen wahrzunehmen – unwillkürliches und unkontrolliertes Wegträumen

Mangelhafte Selbststeuerung

Der Schüler ist nicht in der Lage zu erkennen, wann seine im Prinzip positive Spontaneität ihm schadet. Ihm fehlt die Fähigkeit, positive wie negative Gedanken, Emotionen und Handlungsimpulse zu steuern und so gerät er häufig in vermeidbare Konflikte mit Eltern, Geschwistern, Freunden, Mitschülern und Lehrern. Bei ihm ist der Weg vom Impuls bis zur Handlung extrem kurz. Deshalb ist er kaum in der Lage, Entscheidungen bewusst abzuwägen und fühlt sich dementsprechend auch nicht für sein Verhalten verantwortlich, selbst dann nicht, wenn ihm sein Fehler im Nachhinein bewusst ist.
Symptome der Konzentrationsstörung: mangelnde Fähigkeit, sich innere Impulse vor dem Handeln bewusst zu machen - mangelnde Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.

Blockierte Intuition

Es fehlt das Vertrauen in die Fähigkeit, Aufgaben aus eigener Kraft zu lösen. Diese Schüler neigen zu streng schematischem Lernen. Beim Büffeln praktizieren sie die Ochsentour und stehen dann oft wie der Ochs vorm Berg, wenn eine Aufgabenstellung auch nur minimal anders formuliert ist. Ihnen ist zu oft zu früh geholfen worden. Deshalb halten sie Ausschau nach externen Helfern, sobald sie bei der Lösung einer Aufgabe mit einstudierten Methoden nicht weiter kommen, weil selbständiges Denken erforderlich ist. Nun ist nicht nur ihre Intuition, sondern auch der Kopf blockiert und es bleibt nur noch die frustrierte Kapitulation vor der Aufgabe.
Symptome der Konzentrationsstörung: Schwächen beim selbständigen Denken – mangelndes Improvisationstalent – niedrige Frustrationstoleranz

Mangel an Achtsamkeit

Dieser Schülertyp sieht manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und manchmal vor lauter Wald den Baum nicht. Er tut sich schwer, die organischen bzw. systematischen Zusammenhänge zwischen einem Teil und dem Ganzen wahrzunehmen und übersieht leicht Details. So verfehlt er oft das Thema oder neigt zu Flüchtigkeitsfehlern. Mit seinen Gedanken und inneren Bildern bewegt er sich mehr in der Vergangenheit und Zukunft als in der Gegenwart. Sein Geist ist nicht dort, wo sich sein Körper befindet.
Symptome der Konzentrationsstörung: selektive Wahrnehmung – Flüchtigkeitsfehler – mangelnde Präsenz

Niedrige Frustrationstoleranz

Manche Schüler neigen zum schnellen Aufgeben, wenn etwas nicht direkt so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt haben. Ein einziges Misserfolgserlebnis kann sie völlig demotivieren. In ihrem Geist macht sich Negativität breit, die weitere Misserfolge unweigerlich anzieht. Rasch befinden sie sich in einem Teufelskreis, wo nichts mehr geht. In solchen Momenten können sie sich überhaupt nicht vorstellen, die vorliegende Aufgabe zu lösen und verlieren jeden Antrieb, es weiter zu versuchen. Wer sie dennoch von außen antreibt, muss mit ihren Wutausbrüchen rechnen.
Symptome der Konzentrationsstörung: plötzliche, dramatische Leistungseinbrüche – Neigung zu Wutausbrüchen und zum schnellen Hinschmeißen

Mangel an Selbstliebe

Schüler, die unter Mangel an Selbstliebe leiden, können sich nicht so akzeptieren, wie sie sind. Irgendetwas hindert sie daran, sich andern gegenüber als gleichwertig zu empfinden. Die Folgen können sowohl Antriebslosigkeit als auch übertriebener Ehrgeiz sein. Häufig neigen diese Schüler zu krankhaftem Altruismus oder Egoismus oder einer Mischung aus beidem. Sie setzen sich selbst permanent unter Stress, investieren viel, um geliebt zu werden und neigen zu einer chronisch flachen Atmung, die sie schnell ermüden und erschöpft sein lassen.
Symptome der Konzentrationsstörung: geringes Selbstwertgefühl – Antriebslosigkeit – übertriebener Ehrgeiz – flache Atmung

Mangel an Selbstdisziplin

Wer nicht in der Lage ist, sich selbst zu organisieren, ruft unweigerlich Disziplinierungsmaßnahmen von außen auf den Plan. Konzentriertes und engagiertes Arbeiten ist aber kaum möglich, wenn Schüler immer wieder dazu ermahnt werden müssen, ihre Hausaufgaben zu machen, ihr Zimmer aufzuräumen usw. Unter äußerem Druck wird meist nur – wenn überhaupt - das Notwendigste erledigt, und das meist auch nur flüchtig. Von mangelnder Selbstdisziplin sind vor allem die Schüler betroffen, die ich als Lusttyp bezeichne, bei denen die unmittelbare Befriedigung Vorrang gegenüber Pflichten, Werten oder langfristigen Zielen hat.
Symptome der Konzentrationsstörung: schlechte Selbstorganisation – geringe Ausschöpfung des Potenzials – geringe Bereitschaft zur Anpassung

Ineffiziente Lerntechniken

Ineffiziente Lerntechniken führen nicht nur dazu, dass das Lernen mühselig wird und länger dauert, sondern verhindern auch eine optimale Abspeicherung von Informationen. Dies wiederum vermindert die Gedächtnisleistung und führt zu schlechten Noten bei jeder Art von Leistungsüberprüfung. Konzentrationsstörungen können sowohl Ursache als auch Folge falscher Lerntechniken sein. Wer sich zum Beispiel Vokabeln mit einer ineffizienten Lerntechnik einprägen möchte, wird unnötig viel Zeit mit dem Lernen verbringen und sich die Vokabeln auch noch schlecht merken können. Das kann dazu führen, dass er irgenwann gar keine Lust mehr hat, die betreffende Sprache zu lernen.
Symptome der Konzentrationsstörung: mühsames, ineffizientes Lernen – schlechte Gedächtnisleistung – Motivationsverlust durch Lernfrust

Projektionen

Schüler mit Lern- und Konzentrationsschwächen neigen manchmal dazu, die Schuld für schlechte Leistungen bei anderen zu suchen: "Die blöden Lehrer - die Eltern, die zu wenig erlauben – die nervenden Geschwister" usw. Positive Veränderungen sind aber nur möglich, wenn die Bereitschaft besteht, sich mit eigenen Schwächen auseinanderzusetzen und auf Projektionen zu verzichten. Wenn Schüler dazu neigen, eigene Fehler anderen in die Schuhe zu schieben, dann ist oft ein schweres Gewicht dafür verantwortlich, das sie auf ihren Schultern spüren, und von dem sie glauben, es nicht allein tragen zu können. Diese Voraussetzung ist zum Beispiel gegeben, wenn ein Schüler am laufenden Band Dinge vergisst oder schlecht erledigt und dafür täglich kritisiert wird.
Symptome der Konzentrationsstörung: Verzweiflung über die Unfähigkeit, eigene Fehler zu vermeiden – Mangel an Selbstkritik – mangelnde Bereitschaft,  Verantwortung zu übernehmen

Stress in der Familie

Dauerstress in der Familie, Konkurrenz unter Geschwistern, Scheidungssituationen, Verlustängste, Vernachlässigung sowie Überforderung durch zu hohe Erwartungen sind die häufigsten familiären Störfaktoren für die Konzentration. Besonders schädlich wirkt sich familiärer Stress auf Kinder aus, die sich für die Probleme ganz oder teilweise selbst verantwortlich fühlen. Um ihre "Schuld" wiedergutzumachen, neigen sie dazu, ihre eigenen Gefühle und Wünsche zu unterdrücken. Sie fühlen auf Gedeih und Verderb zu guten Sculnoten verpflichtet und setzen sich damit massiv unter Druck.
Symptome der Konzentrationsstörung: psychischer Dauerstress – Schuldgefühle – Unterdrückung eigener Gefühle und Wünsche

Ablenkung durch Mitschüler

Während des Schulunterrichts hat für manche Schüler die Kommunikation mit ihren Mitschülern oberste Priorität, sodass sie vom Unterrichtsgeschehen kaum etwas mitbekommen. In diesem Zusammenhang ist die Stellung, die jemand im Klassenverband einnimmt, von großer Bedeutung. Wer dort einen guten Stand hat, hat es leichter als jemand, der in einer Rolle feststeckt wie etwa der Clown oder der coole Leistungsverweigerer. Manche Schüler stellen im Laufe ihrer Schulzeit die Empfangsfrequenz immer mehr auf ihre Mitschüler ein, so dass auch dann noch damit schwer tun, ihre Aufmerksamkeit mehr auf das Unterrichtsgeschehen zu richten, wenn ihnen irgendwann die Qualität der Schulnoten mehr bedeutet als die der Unterhaltung während des Unterrichts.
Hauptprobleme: Feststecken in einer Rolle – Vorrang der Unterhaltung vor dem Unterricht

"Blöde Lehrer"

Man lernt nur von dem, den man liebt, hat Goethe einmal gesagt. Ein problematisches Verhältnis zum Lehrer kann die Motivation und Konzentration eines Schülers stark beeinträchtigen. Persönliche Aversionen übertragen sich auf die Lerninhalte. Im Extremfall können sie zu Lernblockaden und totaler Leistungsverweigerung führen. Je sensibler ein Schüler ist, desto größer die Gefahr, dass sich seine Abneigung gegen einen bestimmten Lehrer auf das von ihm unterrichtete Fach überträgt. Dann wird er einen starken Widerstand spüren, wenn er zu Hause für das Fach lernen möchte und auch im Unterricht kann die Hand sich bleischwer anfühlen, wenn ein Impuls zur Wortmeldung verspürt wird.
Symptome der Konzentrationsstörung: lehrerspezifische Lernblockaden – Verschlechterung der Motivation bei den vom Lehrer unterrichteten Fächer

Ablenkungen am Arbeitsplatz

Häufig befinden sich im selben Raum, wo die Schüler lernen, leicht verfügbare Möglichkeiten der Ablenkung wie Computerspiele, Fernseher oder Musikanlagen. Die Versuchung ist dann groß, sich zwischendurch mit angenehmeren Dingen als dem Lernen zu beschäftigen. Während des Lernens kreisen die Gedanken oft um die schönen Dinge in nächster Umgebung. Der Körper sitzt am Schreibtisch, der Geist ist anderswo, lateinisch: alibi.
Symptome der Konzentrationsstörung: mangelnde Konzentration bei Hausaufgaben – langwieriges, ineffizientes Lernen

Pubertätskrise

Die Pubertät ist eine Phase schneller und tief greifender Veränderungen im körperlichen, geistigen und seelischen Bereich. Besonders bei Jungen kommt es in dieser Zeit zu extremen Schwankungen der Konzentration, häufig auch zu allgemeiner Lernunlust und plötzlicher Verschlechterung der schulischen Leistungen. Wenn Gedanken, Stimmungen und Körperempfindungen sich sekündlich ändern können, stellt das jeden Menschen vor ein kaum lösbares Problem: Gibt man jeder Regung nach, dann müsste man binnen einer Minute lachen, weinen, schreien, tanzen, fluchen, umarmen, zuschlagen usw. Das andere Extrem wäre, alle Impulse zu unterdrücken. Viele Pubertierende praktizieren eine Doppelstrategie: Außer Haus hat die Gefühlskontrolle Vorrang und zu Hause das Ausleben der Gefühle. Besonders die Mütter können ein Lied davon singen, wenn sie die draußen unterdrückten Agressionen mit voller Wucht zu spüren bekommen.
Symptome der Konzentrationsstörung: Verwirrung der Gedanken und Gefühle – Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität – Stau und Entladung von Agressionen

Blockaden

Von Blockaden spricht man, wenn der Energiefluss auf körperlicher und geistiger Ebene gehemmt ist. Das kann verschiedene Ursachen haben, auf die ich unter Blockaden und Lernblockaden näher eingehe. Es kommt zur Verringerung der Konzentrationsfähigkeit bis hin zum punktuellen Versagen des Gedächtnisses, das besser als Blackout bekannt ist.
Symptome der Konzentrationsstörung: akutes Versagen beim Abspeichern = Lernblockade und Abrufen = Gedächtnisblockade von Informationen – chronisch geringe Ausschöpfung des eigenen Potenzials

Schwache Atmung

In psychischen Stresssituationen verflacht unsere Atmung, und das Gehirn wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Dadurch wird die mentale Leistungsfähigkeit eines Schülers drastisch eingeschränkt. Konzentriertes Lernen ist dann ebenso wenig möglich wie das Abrufen von Informationen aus dem Gedächtnis wie zum Beispiel bei Klassenarbeiten oder in Prüfungen. Wenn ein Kind nicht merkt, dass sein Atemvolumen eine kritischen Wert erreicht hat, wird sich dieser Kreislauf ständig wiederholen: Große Unlust vor oder beim Lernen > Atmung verflacht > Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff > Müdigkeit > Leistungsabfall > Frustration > Lernunterbrechung oder -abbruch > Gefühl des Versagens
Symptome der Konzentrationsstörung: Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff – akuter Leistungsabfall – Gefühl des Versagens

Körperliche Beschwerden

Fühlt ein Schüler sich körperlich nicht wohl, weil er zum Beispiel unter Kopfschmerzen, Magenschmerzen oder Allergien leidet, kann er sich auch bei bestem Willen und größter Anstrengung nicht gut konzentrieren. Manche Kindre leiden unter chronischen Schmerzen, ohne dass sie selbst oder ihre Eltern sich dessen bewusst sind. Nach meinen Erfahrungen sind heftige Kopfschmerzen mehrmals in der Woche sowie schmerzhafte Energieblockaden keine Seltenheit. Dennoch wird dem körperlichen Wohlbefinden eines Schülers beim Lernen kaum Aufmerksamkeit geschenkt.
Symptome der Konzentrationsstörung: starke Schmerzen –  Mangel an Vitalität – eingeschränktes Denk- und Konzentrationsvermögen