Was stört die Konzentration?

 

Wenn Kinder sich in der Schule oder zuhause schlecht konzentrieren können, kommen dafür viele Ursachen in Frage. Hier finden Sie eine Beschreibung der Störfaktoren, die sich nach meinen Erfahrungen besonders negativ auf die Konzentrationsfähigkeit von Schülern auswirken.

Konzentrationsstörungen beim Lernen

10 Punkte, die die Konzentration von Schülern stören können

 

1. Konzentrationsprobleme wegen schwacher Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung

Viele Schüler können ihre körperliche, geistige und emotionale Verfassung nicht oder nur unzureichend einschätzen. Deshalb merken sie weder, wie sie sich durch ihr Verhalten auf allen drei Ebenen aus dem Gleichgewicht bringen, noch wie sich ihr Konzentrations- und Leistungsvermögen dadurch verringert. Das Wahrnehmen und Spüren eines Defizits ist jedoch Voraussetzung dafür, es beseitigen zu wollen und zu können.

Ohne eine gut funktionierende Selbstwahrnehmung können Schüler nicht erkennen, wann sie die Dinge laufen lassen können und wann es sinnvoll ist, steuernd einzugreifen. So sind sie permanent ein Spielball ihrer spontanen Reizempfindungen. Man kann ein Selbststeuerungsproblem weder willentlich herbeiführen noch loswerden. Betroffene Kinder wollen sich konzentrieren, können es aber nicht.

Kinder mit einem geringen Selbstvertrauen tun sich gewöhnlich mit der Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung besonders schwer. Wer sich selbst nicht vertraut, neigt dazu, sich nicht wahrnehmen zu wollen. Deshalb sollte bei diesen Kindern zunächst das Selbstvertrauen gestärkt werden, bevor an der Verbesserung der Selbstwahrnehmung gearbeitet wird.

Lösung: Stärken des konzentrierten Lernens

2. Wie fehlendes bildhaftes Vorstellungsvermögen den Schülern das Lernen erschwert

Jeder weiß, dass die Sehstärke eines Auges zwischen null und einhundert Prozent betragen kann. Weniger bekannt ist, dass dies auch für unser inneres oder geistiges Auge gilt, mit dem wir uns Dinge bildhaft vorstellen können. Das Phänomen des fehlenden bildhaften Vorstellungsvermögens wurde erst im Jahr 1880 entdeckt und wird heute meist als Aphantasie bezeichnet. Nach Schätzungen sind etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung davon betroffen.

Wer sich Gedanken und Dinge gut bildhaft vorstellen kann, kann sich gewöhnlich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die das nicht können. Naturgemäß können die von Aphantasie Betroffenen sich umgekehrt nicht vorstellen, was es bedeutet, sich Dinge als innere Bilder vorzustellen. Deshalb wird ihnen ihr Defizit oft erst im Erwachsenenalter bewusst.

Die Bedeutung der bildhaften Vorstellungskraft für das Lernen ist auch 140 Jahre, nachdem der Brite Francis Galton das Phänomen der Aphantasie entdeckt hatte, noch weitgehend unbekannt. Das gilt nicht nur für Eltern und Schüler, sondern wohl auch für die meisten Lehrer. Wenn das bildhafte Vorstellungsvermögen eines Schülers fehlt oder sehr schwach ist, dann ist jeder Lernakt mit einer großen Anstrengung verbunden, die irgendwann zu Konzentrationsproblemen führt.In solchen Fällen empfehle ich deren Eltern, die Lehrer des Kindes darauf anzusprechen, ob sie bereit sind, bei der Erstellung bzw. Auswahl von Unterrichtsmaterialien auf die spezifische Wahrnehmung des Kindes Rücksicht zu nehmen.

Ich kann gut nachvollziehen, dass dies den meisten Lehrern aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist. Es überrascht mich jedoch immer wieder, dass die Lehrer, die teils von den Eltern, teils von mir selbst auf das Thema angesprochen werden, überwiegend davon ausgehen, dass es keine signifikanten Unterschiede beim bildhaften Vorstellungsvermögen des Menschen gibt. Dementsprechend fehlt dann auch die Bereitschaft und Fähigkeit, den betroffenen Schülern Brücken zu bauen, die ihnen das Lernen erleichtern könnten.

Es ist keine leichte Aufgabe, das bildhafte Vorstellungsvermögen eines Kindes oder Jugendlichen zu verbessern. Bei einigen gelingt mir dies, indem ich ausdrucksstarke eigene Bilder vorgebe und die Schüler bitte, mir ihre Assoziationen dazu mitzuteilen. Zunächst tauchen in der Regel nur gedankliche Assoziationen auf. Im gelungenen Fall mischen sich irgendwann erste Bilder bei. Auch wenn diese noch so schwach sind, können sie die Schüler dazu ermutigen, durch weitere Übungen schrittweise auf dem inneren Auge sehen zu lernen.

Da das menschliche Gehirn über eine ausgezeichnete Inkompetenzkompensationskompetenz verfügt – dieser treffende Ausdruck stammt von dem Philosophen Odo Marquard – können manche Menschen auch ohne bildhaftes Vorstellungsvermögen die aufgenommenen Informationen hervorragend im Gedächtnis abspeichern. Sie wären ideale Lehrer für die von Aphantasie betroffenen Schüler, sofern sie wissen, auf welche Weise ihr Gehirn das Defizit kompensiert.

Schüler, die über ein gut funktionierendes bildhaftes Vorstellungsvermögen verfügen, nutzen diese Gabe beim Lernen oft viel zu wenig. Mit der richtigen Technik könnten sie zum Beispiel viel schneller mit ihren Hausaufgaben fertig sein, oder in der Zeit, die sie darauf verwenden, viel bessere Ergebnisse erzielen. Die falsche Technik wirkt sich dagegen störend auf die Motivation und Konzentration beim Lernen aus. Über den „Lösungs-Link“ gelangen sie zu den Tipps und Tricks, wie das bildhafte Lernen für mehr Lernfreude und Lerneffizienz genutzt werden kann.

Lösung: Bildhaftes Vorstellungsvermögen und optimale Lerntechniken

3. Konzentrationsstörungen durch ablenkende Gedanken und innere Bilder

Wie soll ein Schüler sich beim Lernen konzentrieren, wenn in seinem Innern, bewusst, halbbewusst oder unbewusst kontinuierlich Gedanken- und Bildprogramme ablaufen mit zum Teil starkem Impulscharakter? Vor ihm liegen seine schulischen Aufgaben und im Hintergrund laufen Szenen aus Filmen, Computerspielen oder was auch immer, die mit Macht um seine mentale Aufmerksamkeit ringen.

Solche Gedanken- und Bildprogramme können den Arbeitsspeicher eines Schülers so sehr belasten, dass die im Vordergrund laufenden Programme, das heißt, was zu einem Zeitpunkt X erledigt werden sollte, kaum noch freie Speicherkapazitäten zur Verfügung haben. Beim PC würde man von einer hohen CPU-Auslastung sprechen, die in extremen Fällen zu dessen Absturz führen kann, oder die Blockaden bis hin zum Blackout auslösen kann, wenn es sich um ein menschliches Gehirn handelt.

Mit einem blockierten Kopf können sich Hausaufgaben stundenlang hinziehen, ohne dass dabei quantitativ und qualitativ viel herauskommt. Wenn ein Schüler in einer solchen Situation meint, er verstehe den zu schweren Stoff nicht, hat er in der Regel recht. Jedoch versteht er den Stoff meist nicht deshalb nicht, weil es ihm an Verstand mangelt, sondern an Konzentration infolge unkontrollierbarer Ablenkungen.

Innere Ablenkungen sind viel häufiger die Ursache für starke Konzentrationsstörungen als die meisten Eltern, Lehrer und Schüler dies für möglich halten. Das liegt daran, dass Eltern und Lehrer keinen direkten Zugang zu den Ablenkungsprozessen haben und dass die meisten Schüler selber diese nicht wahrnehmen, obwohl sie prinzipiell Zugang dazu haben. Ablenkungen schleichen sich so unauffällig über die Steuerungszentrale des Gehirns an die erste Stelle der Aufmerksamkeitsausrichtung, dass die Schüler davon gewöhnlich gar nichts mitbekommen. Wie das konkret vor sich geht, möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen.

Ein Schüler schaut sich einen Film an, den er zunehmend langweilig findet. Dann mischt ein Techniker aus dem Off fremdes Ton- und Bildmaterial so geschickt in den laufenden Film ein, dass keine Brüche wahrgenommen genommen werden und dem Schüler der Programmwechsel zunächst nicht auffällt. Er merkt nur, dass ihn der Film plötzlich fesselt und empfängt deshalb keinen Impuls, das Programm zu wechseln. Wenn er den Wechsel irgendwann selber bemerkt oder durch andere darauf aufmerksam gemacht wird, fällt es ihm aus einem doppelten Grund schwer, den alten Faden wieder aufzunehmen: zum einen, weil er diesen durch die Ablenkung verloren hat und zum anderen, weil er keine Lust hat, ihn wieder aufzunehmen, da die Impulsstärke der Ablenkung größer ist als die der eigentlich zu erledigenden Aufgabe.

Wie Schüler Konzentrationsstörungen infolge verschiedener Formen von Ablenkungen vermeiden oder zumindest verringern können, erfahren Sie u.a. unter Punkt 6. a-c auf der Unterseite "Was fördert die Konzentration?"

Lösung: Konzentration beim Lernen als Prozess

4. Konzentrationsprobleme beim Lernen - verursacht durch starke Emotionen

Starke Gefühle und Empfindungen sind besonders geeignet, die Konzentration beim Lernen zu stören, da sie in uns wirken können, ohne dass wir sie bemerken, und da wir sie, selbst wenn wir sie registrieren, nur bedingt beeinflussen können. Wir sind nicht einmal in der Lage genau einzuschätzen, wie stark sie sind und wie sehr sie uns zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Konzentration bringen. Noch viel weniger wissen wir darüber, was Menschen, mit denen wir kommunizieren, in unserer Gegenwart fühlen und wie stark deren Gefühle im Verhältnis zu unseren eigenen sind.

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass die Intensität der eigenen Gefühle und Empfindungen sich nicht gravierend von derjenigen anderer Personen unterscheidet. Deshalb sind sie der Meinung, es gebe eine gewisse Chancengleichheit bezüglich der prinzipiellen Fähigkeit sich zu konzentrieren. Wenn sie zum Beispiel bei einem Schüler Konzentrationsprobleme registrieren, glauben sie, diesem müsse es genauso leicht fallen, sich zu konzentrieren, wie dies für die eigene Person der Fall sei. Doch das ist ein Irrtum, vermutlich der fatalste und am weitesten verbreitete Irrtum in der modernen Pädagogik.

Symptomatisch dafür ist die an einen Schüler gerichtete Aufforderung "Du musst dich besser konzentrieren!" oder "Jetzt konzentriere dich bitte!" Auf der Unterseite Hausaufgaben... Kap. II. finden Sie eine Begründung für diese Behauptung. Dort finden Sie in den Kapiteln IV. und VI. auch verschiedene Selbst-Scann-Techniken, mit deren Hilfe Schüler genau herausfinden können, wie sie ticken und wie sie diese Informationen bei der Lösung von Konzentrationsproblemen einsetzen können.

Da es bei den für die Konzentrationsstörung verantwortlichen Ablenkungsimpulsen weniger um rationale Überlegungen geht, als um von Gefühlen und Empfindungen ausgelöste Reize, laufen Appelle an die Konzentrationsbereitschaft eines Schülers ins Leere. Taucht ein Ablenkungsimpuls mit hohen Unlust- oder Lustwerten während einer Tätigkeit auf, dann hat die Ablenkung leichtes Spiel. Die Ermahnung zu mehr Konzentration kann dann bestenfalls ein kurzes Strohfeuer der Aufmerksamkeit entfachen. Der Schuss kann aber auch noch hinten losgehen, wenn er nämlich dazu führt, dass der Schüler sich genervt fühlt und  blockiert, statt sich zu konzentrieren.

Die Intensität einer Ablenkung entspricht in der Regel der Stärke der mit ihr einhergehenden Gefühle.
Besonders Schüler mit einer hohen emotionalen Reizempfänglichkeit merken oft zu spät, wenn ihre Gefühle so stark auf ein Ereignis reagieren, dass sie völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Das gilt sowohl für angenehme wie unangenehme Gefühle wie auch für alle drei Zeitdimensionen. Die Erinnerung an schöne Erlebnisse kann ähnlich starke Gefühle auslösen wie das unmittelbar Erlebte oder das, worauf man sich freut und deshalb intensiv daran denkt.

Der Lusttyp kann so sehr in den Bann angenehmer Gefühle geraten, dass ihm zu einem gegebenen Zeitpunkt kaum Konzentrationsenergie für andere Inhalte oder Betätigungen zur Verfügung steht. Weiß ein Schüler, dass sein bester Freund bald vor der Tür steht, dann wird dieser Freund – und was er später mit ihm unternehmen wird – im Zentrum seiner Gedanken und Gefühle angekommen sein, lange, bevor dieser schließlich klingelt. Der Angsttyp kann von negativen Gefühlen, die zum Beispiel durch eine Demütigung ausgelöst wurden, so sehr im Kopf gelähmt werden, dass er nicht mehr klar denken kann, oder – wie beim Blackout – vorübergehend gar nicht mehr denken kann.

Für beide Schülertypen gilt: Konzentrationsprobleme, die durch starke Gefühle und Empfindungen ausgelöst werden, lassen sich nachhaltig nicht durch den Kopf lösen, sondern durch ein Spürbewusstsein, das sich organisch aus einer intensiven Selbstwahrnehmung entwickelt.

Lösung: Gefühle beim Lernen wahrnehmen und bezüglich Lust/Unlust einschätzen

5. Mangelnde Selbststeuerung bei physisch bedingten Konzentrationsproblemen

Die körperlichen Ursachen für Konzentrationsstörungen werden oft unterschätztvor allem die fünf Basics Atmen, Trinken, Essen, Schlafen, Bewegen: Nach unterschiedlicher Dauer führt das Ausbleiben dieser Tätigkeiten zum Tod. Zum Glück kommt das extrem selten vor, doch hunderte von Schülern, mit denen ich gearbeitet habe, hatten Konzentrationsprobleme, für die Engpässe bei einem oder mehreren dieser fünf Punkte verantwortlich waren.

Wie schädlich eine flache Atmung für die Konzentrationsfähigkeit eines Schülers ist, habe ich unter anderem am Beispiel von Blockaden und Lernblockaden aufgezeigt. Doch auch Schüler, die vor dem Schulbesuch nicht frühstücken, in der Schule wenig trinken, schlecht schlafen oder sich zu wenig bewegen, können sich deshalb um einen Faktor X schlechter konzentrieren, der viel größer ist, als die meisten es sich vorstellen können. In der Addition können diese Faktoren für über 50 Prozent der Konzentrationsschwäche verantwortlich sein.

Seit Jahren steigt die Zahl meiner Schüler, die über häufige Bauch- und/oder Kopfschmerzen nach dem Aufwachen und in der Schule klagen. Wer sich körperlich unwohl fühlt, dem helfen weder die größten Anstrengungen noch die besten Konzentrationsübungen.

Oft ist den Schülern ihre schlechte körperliche Verfassung nicht bewusst. Erst wenn sie darauf angesprochen werden, realisieren sie, dass sie häufiger Schmerzen haben und ihre physische Verfassung beim Lernen grenzwertig schlecht ist. Die meisten wünschen sich nichts mehr, als daran etwas zu ändern. Doch wie wollen sie etwas verändern, was sie gar nicht wahrnehmen? Und wenn sie es schließlich wahrnehmen, stellt sich immer noch die Frage: Wie kann ich den jeweiligen körperlichen Engpass beseitigen?

Beim Essen funktioniert das gewöhnlich, ohne dass man sich darum kümmern muss. Wenn man Hunger hat, ist fast immer etwas griffbereit, mit dem man ihn auf genussvolle Weise stillen kann. Dagegen meldet sich das Durstgefühl bei manchen erst, wenn der Körper durch Flüssigkeitsmangel bereits geschwächt ist. Vor allem nachmittags reduziert sich bei immer mehr Schülern die körperliche Bewegung zu einem großen Teil darauf, mit ihren Fingern Tastaturen oder Controller zu bedienen, weil Smartphone und PC schnellere, lustvollere und bequemere Befriedigung ermöglichen als anstrengende Bewegungen außer Haus.

Die Kombination aus wenig Bewegung und einer unstillbaren Lust auf mediale Spieleinheiten kann Schlafprobleme hervorrufen oder verstärken. Hier hilft das bloße Wissen um den Zusammenhang zwischen dem, was man tut bzw. unterlässt, ebenso wenig wie bei Problemen, die durch eine falsche Atmung verursacht werden. Ohne entsprechende Steuerungstechniken wird man seine schädlichen Gewohnheiten gegen besseres Wissens beibehalten.
Lösung: Konzentrationstechniken bei körperlichen Engpässen



Ein voller Kopf studiert nicht gern.

 

6. Konzentrationsprobleme beim Lernen durch Ablenkungen und Reizüberflutung

Wie leicht ein Schüler auf äußere Ablenkungen anspricht, hängt von der Reizempfänglichkeit seiner Sinne und Emotionen ab sowie davon, ob er eher intro- oder extravertiert ist. Schüler mit einer hohen Sensibilität können durch kleinste Ablenkungen beim Lernen so starke Konzentrationsprobleme bekommen, dass sie augenblicklich keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu ihren Datenbanken im Gehirn haben.

Für die Konzentration beim Lernen sind akustische Reize besonders gefährlich. Wenn jemand Faxen macht, kann ich wegschauen, wenn es stinkt, mir die Nase zuhalten, doch gegen akustische Invasionen bin ich weitgehend machtlos. Besonders empfindsame Jungen und Mädchen können während des Unterrichts annähernd hundert Prozent ihrer Konzentrationsfähigkeit verlieren, wenn es in der Klasse laut ist, während die Konzentrationsprobleme bei weniger empfindlichen minimal sind. Nicht selten können Schüler sich um ein bis zwei Noten im Durchschnitt verbessern, wenn sie von einer lauten in eine leise Klasse versetzt werden.

Auch bei den Hausaufgaben können Betroffene leicht abgelenkt werden, wenn zum Beispiel der Bruder herumtobt oder die Schwester Blockflöte übt. Eine Schülerin, die eine Konzentrationsübung bei mir durchführte, bat mich, die Uhr in dem Raum zu entfernen, weil sie sich sonst nicht konzentrieren könne. Ich tat ihr den Gefallen, obwohl ich selber die Uhr gar nicht wahrgenommen hatte. In den verbleibenden vier von zehn Minuten holte sie etwa doppelt so viele Punkte wie bei den ersten sechs.

Wie der Name schon sagt, sind die Empfangsantennen der extravertierten Schüler mehr nach außen als nach innen ausgerichtet. Bei den meisten liegt der Grund für die Außenausrichtung darin, dass sie für das Wahrnehmen innerer Bilder Impulse von außen brauchen. Sie können nicht jederzeit ihr Heimkino einschalten, wenn draußen nichts los ist und sind deshalb besonders abhängig von dem, was in ihrer Umgebung geschieht. Manche Menschen haben überhaupt kein bildhaftes Vorstellungsvermögen. Sie leiden unter Aphantasie.

Während der introvertierte Schüler sich bei akustischer Verseuchung in sein inneres Heimkino zurückzieht, verliert der extravertierte sich im Außen. Beides bedeutet Steuerungsverlust bezüglich der Aufmerksamkeit und stört die Konzentration.

Jeder Erwachsene kennt die Erfahrung, dass Dinge, die unter gewöhnlichen Umständen leicht gelingen, schwierig werden können, sobald man einer Vielzahl von intensiven Reizen ausgesetzt ist. Dies gilt für innere Reize, die durch Gedanken und Bilder ausgelöst werden, wie auch für äußere Reize, die über die Sinnesorgane wahrgenommen werden oder von anderen Personen auf uns einwirken wie etwa bei Störgeräuschen oder Mobbing. Bei Hochsensiblen kann ein einziger starker Reiz ausreichen, um die Konzentration von der Sache abzulenken, die zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt werden sollte.

Zu den gefährlichsten inneren Ablenkungsimpulsen zählen negative Gedanken, die das Selbstwertgefühl infrage stellen. Sie sind besonders starke Energie- und Konzentrationsräuber, weil sie eine chronische Flut von Reizen auslösen, die dann dazu führen, dass ein paar zusätzliche und an sich harmlose Reize, das Fass zum Überlaufen bringen können. Beim Lusttyp hingegen geht die größte Ablenkungsgefahr von schönen Gedanken und inneren Bildern aus. Insbesondere wenn Schüler die Ablenkungsimpulse nicht bewusst wahrnehmen, sind sie den daraus resultierenden Konzentrationsstörungen schutzlos ausgeliefert.

Bei mentalen Blockaden-Rekonstruktionen frage ich Schüler routinemäßig, was sich in den Stunden davor zugetragen hat. Häufig berichten sie davon, dass sie während einer Schulpause gekränkt oder gedemütigt worden waren und danach keinen klaren Gedanken mehr fassen konnten. Andere erzählen, dass sie vor einer Klassenarbeit in der letzten Stunde den ganzen Tag an ihren bevorstehenden Geburtstag gedacht und ihn sich in den schönsten Farben ausgemalt hatten.

Lösung: Bessere Konzentration durch smarten Umgang mit Ablenkungsimpulsen und Reizüberflutung

7. Multitasking provoziert Konzentrationsprobleme beim Lernen

Kinder sind selten in der Lage, mehrere Aufgaben gleichzeitig und gleich gut zu erledigen. Das liegt zum einen an der relativ hohen Reizempfänglichkeit und zum anderen an der fehlenden Erfahrung bezüglich der Aufteilung ihrer Aufmerksamkeit auf verschiedene Aufgaben. Multitasking fällt Schülern besonders schwer, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:

  • Der passende Fokussierungswinkel für die einzelnen Tätigkeiten differiert um mehr als 180 Grad. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand gleichzeitig seine Lieblingsserie verfolgen und dabei schwierige Mathematikaufgaben lösen möchte. Ersteres würde mit einem Streubewusstsein von über 300 Grad funktionieren, während für die zweite Tätigkeit ein Fokussierungswinkel von unter 30 Grad angemessen wäre.

  • Der Fokussierungswinkel liegt für beide Tätigkeiten bei unter 30 Grad. Ein Klassenkamerad erklärt während des Unterrichts, wo man sich am Nachmittag trifft, wie man dorthin kommt und was jeder mitbringen soll. Gleichzeitig gibt die Deutschlehrerin bekannt, welche Themen in der nächsten Klassenarbeit vorkommen. Hier würden beide Tätigkeiten einen hohen Fokussierungsgrad, das heißt einen kleinen Winkel erfordern.

  • Der Schüler hat so viel um die Ohren, dass eine winzige zusätzliche Aufgabe seine Konzentrationsenergie überfordern kann.

  • Das gilt auch für den Fall, dass er zu viel zwischen den Ohren hat, ihm also so viele Dinge durch den Kopf gehen, dass er für komplexe Aufgaben chronisch überfordert ist.
  • Auf Schüler in der Pubertät treffen oft alle vier Punkte zu. Wegen der rapiden Veränderungen auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene, die sie zu bewältigen haben, sind sie manchmal ähnlich absturzgefährdet wie ein PC, dessen CPU-Auslastung grenzwertig ist.

In einem Artikel aus der Wochenzeitschrift Die Zeit werden verschiedene Studien zitiert, die zu dem Ergebnis kommen, dass Multitasking die Konzentratiosleistung verringert und Stress erzeugt, sofern zwei Aufgaben gleichzeitig erledigt werden sollen, die eine hohe Aufmerksamkeit erfordern.

Lösung: Multitasking vermeiden, sofern man kein Konzentrationskünstler ist

8. Konzentrationsprobleme durch fehlende Motivation beim Lernen

Zur Lernmotivation tragen alle Kräfte bei, die uns dazu bewegen, etwas zu lernen – lateinisch movere = bewegen. Diese Bewegung fällt den Schülern um so leichter, je mehr der Lerngegenstand sie interessiert und einen Lustgewinn verspricht. Das gilt zum Beispiel für besonders beliebte Computerspiele. Während Schüler sich damit beschäftigen, ist sowohl die Lernmenge als auch die Qualität ihres Lernens meist um ein Vielfaches höher als beim schulischen Lernen. Die Freude an der Tätigkeit ist der Motor, der den Schüler beim Spielen in Bewegung bringt und hält. Wenn man mit Unlust lernt, fehlt der Motor und muss durch andere Triebkräfte ersetzt werden, damit sich beim Lernen etwas bewegt.

Bei den meisten Schülern ist durchaus eine gewisse Grundmotivation in Bezug auf das schulische Lernen vorhanden, die teils auf dem Interesse für bestimmte Themen basiert, teils auf ihrer Einsicht, dass eine gute schulische Ausbildung die Chancen erhöht, später einen Beruf auszuüben, den man mag und der genug Geld einbringt, um wirtschaftlich unabhängig leben zu können.

Diese Grundmotivation reicht in der Schule nicht aus. Es gibt in den meisten Fächern viele Aufgaben, die eine spezifische Motivation für bestimmte Themen voraussetzen. Und da die meisten Schüler sich für viele in der Schule behandelten Themen kaum interessieren oder mit der Art, wie ihre Lehrer sie vermitteln, nicht klarkommen, müssen die Schüler die fehlende Motorkraft beim Lernen durch eigene Anstrengungen ersetzen. Das kostet enorm viel Energie, führt schnell zur Ermüdung und setzt eine Fluchtbewegung in Kraft, die zum Trödeln verleitet oder zum schnellen Umstieg in eine Beschäftigung, die Freude bereitet.

Viele Eltern beklagen sich darüber, dass ihr Kind zu wenig Eigenmotivation habe, auch intrinsische Motivation genannt. Ist diese gering, dann muss der Schüler angeschoben werden, damit er sich bewegt, ähnlich wie ein Auto, bei dem die Zündung defekt ist. Während man beim Auto das Anschubproblem durch den Einbau neuer Zündkerzen mit geringem Aufwand lösen kann, kostet es die Eltern viel Kraft und Geduld, wenn Sie ihr Kind immer wieder mit gutem Zureden oder Drohungen zum Lernen antreiben müssen. Irgendwann stellen sie resigniert fest, dass sie eine Sisyphusarbeit verrichten, da ihre Eingriffe von außen die innere Motivation auf Dauer mehr schwächen als stärken.

Lösung: Motivation ist der Motor, der die Konzentration antreibt

9. Ineffiziente Lernorganisation verhindert konzentriertes Lernen

Dieser Mangel ist bei dem von mir als Lusttyp bezeichneten Schüler besonders verbreitet, der das schulische Lernen zu vermeiden sucht, wo immer das möglich ist. Er fragt sich, warum er etwas organisieren sollte, was er hasst, und beschäftigt sich deshalb lieber mit Vermeidungsstrategien als mit Anwendungstechniken.
Da der Lusttyp zudem ein exzellenter Verdrängungskünstler ist, wird ihm gar nicht erst bewusst, wie sehr er sich gegen etwas wehrt, was gerade er am dringendsten gebrauchen könnte, nämlich Lernorganisation.

So sieht nicht selten ein Tag im Leben eines Schülers aus, für den Lernorganisation ein rotes Tuch ist:

… morgens auf dem letzten Drücker aufstehen … ohne Frühstück und ohne Schultasche, in der alles drin ist, was er an dem Tag braucht, macht er sich auf den Schulweg … weil er müde ist, kommt er in den ersten beiden Schulstunden nicht in die Gänge … er macht sich während des Unterrichts kaum oder gar keine Notizen, ausgeteilte Arbeitsblätter werden an Ort und Stelle entsorgt oder ungeordnet in die Schultasche gestopft … die aufgegebenen Hausaufgaben werden ebenso wenig aufgeschrieben wie hilfreiche Tipps, die ein Lehrer vor anstehenden Klassenarbeiten gibt … wenn ihn mal was interessiert, hört er gelegentlich zu, stellt aber so gut wie nie Fragen, wenn er etwas nicht versteht … in den letzten Stunden ist er ähnlich erschöpft wie Mitschüler, die aufmerksam dem Unterrichtsgeschehen gefolgt sind, schließlich kostet es auch Anstrengung, sich so smart durch den Unterricht zu mogeln wie er das tut …
… mit viel Lusthunger kommt er nach Hause, schließlich wurde seine Lust während des Unterrichts durch die Anwesenheit der Lehrer ausgebremst … schnell was essen … dann Fernseher, PC oder Smartphone … irgendwann mahnt jemand die Hausaufgaben an … schnell und schluderig wird das erledigt, woran er sich noch erinnern kann, planlos und ohne Struktur … Aufforderungen Dritter, mehr zu lernen oder Aufgaben zu verbessern, werden abgeschmettert mit dem Hinweis, dass das Erledigte völlig ausreicht … abends verspürt er mehr Tatendrang als am Tag und tut sich mit dem Einschlafen schwer … wenig und/oder unruhiger Schlaf … morgens auf dem letzten Drücker aufstehen …

Aus den Augen aus dem Sinn! – Ein Beispiel dafür, wie eine schlechte Lernorganisation konzentriertes Lernen sabotieren kann

Es gibt bei der Lernorganisation einen fatalen Fehler, der bei den Schülern weit verbreitet ist und der allein darüber entscheiden kann, wie gut ein Schüler seine Hausaufgaben erledigt und wie gut er sich auf Klassenarbeiten und sonstige Prüfungen vorbereiten kann. Es handelt sich um den Wettbewerbsvorteil, den besonders Kinder und Jugendliche den lustbetonten Beschäftigungen gegenüber den mit Unlust verbundenen einräumen.

Sieht man sich in ihrem Zimmern um, fällt sofort auf, dass ihr Schreibtisch und dessen unmittelbare Umgebung nach dem Prinzip eingerichtet ist: Alles, was mir Spaß macht, ist mit einem Griff erreichbar und sofort einsetzbar und alles, was mich langweilt oder nervt, wird möglichst aus dem unmittelbaren Blickfeld entfernt und erfordert vorbereitende Handlungen, bis mit der eigentlichen Arbeit begonnen werden kann.

Um frisch eingegangene WhatsApp-Nachrichten zu sichten, braucht der Schüler keine fünf Sekunden, während fünf Minuten nicht ausreichen, um das Deutsch-Englisch- oder Mathebuch zu suchen, die passenden Seiten aufzuschlagen, die tagesaktuell zu erledigenden Aufgaben herauszusuchen und die Stelle zu finden, mit der er sofort beginnen kann.

Besonders für den Lusttyp resultiert daraus ein doppelter Wettbewerbsnachteil für die zu erledigenden Pflichtaufgaben: Warum denn in die böse Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah ist? Zum Glück gilt auch das Gegenteil der oben zitierten Worte der Margarete in Goethes Faust: Im Auge im Sinn!

Lösung: Wie eine effiziente Lernorganisation das Konzentrieren beim Lernen fördert

10. Konzentrationsprobleme durch schlechtes Lernklima

Ob Lernen Spaß macht und gut gelingt, hängt entscheidend davon ab, wo, wann und mit wem gelernt wird. Ein lauter, unaufgeräumter, schlecht gelüfteter, dunkler Raum bremst die Lernlust und erschwert das konzentrierte Lernen.

Wenn der Schüler zum Zeitpunkt des Lernens Schmerzen hat oder müde ist, wenn er währenddessen etwas verpasst, was ihm besonders viel bedeutet, und er deshalb stark abgelenkt ist, dann leidet unter der schlechten Zeitqualität auch die Qualität des Lernens.

Manche Schüler können am besten lernen, wenn sie allein sind, andere, wenn jemand dabei ist. Sobald eine weitere Person im Lernraum anwesend ist, beeinflusst sie das Lernen, unabhängig davon, ob sie sich unmittelbar daran beteiligt. Sie bringt entweder frischen Wind in den Raum oder sorgt für dicke Luft. Während des Schulunterrichts sind die Räume, Zeiten und beteiligten Personen relativ konstant und deshalb nur schwer zu beeinflussen.

Doch auch hier sind die Schüler den äußeren Umständen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Unter Punkt 10 der folgenden Seite beschreibe ich eine Methode zur Verbesserung des Lernklimas beim häuslichen Lernen, die teilweise auf den Schulunterricht übertragbar ist.

Viel größer sind die Einflussmöglichkeiten beim häuslichen Lernen. Das gilt sowohl für die Raum-Zeit als auch für Dritte, die das Lernen begleiten und/oder kontrollieren. In der Regel sind dies die Eltern. Wenn sie sich unmittelbar am nachmittäglichen Lernen ihres Kindes beteiligen, dann haben sie oft mindestens so viel Einfluss auf das Lernklima und die Lerneffizienz wie der Schüler selbst.

Durch ihre Stimme, Gestik und Mimik nehmen Eltern, die ihre Kinder beim häuslichen Lernen begleiten, oder die Lehrer in der Schule einen oft unterschätzten Einfluss auf das Lernklima und damit auch auf die Lerneffizienz.

Lösung: Ein gutes Lernklima fördert die Konzentration beim Lernen