Was stört die Konzentration?

 

Wenn Kinder sich in der Schule oder zuhause schlecht konzentrieren können, kommen dafür viele Ursachen in Frage. Hier finden Sie eine Beschreibung der Störfaktoren, die sich nach meinen Erfahrungen besonders negativ auf die Konzentrationsfähigkeit von Schülern auswirken.

Konzentrationsstörungen: 14 Punkte, die die Konzentration von Schülern stören

 

1. Mangelhafte Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung allgemein

Viele Schüler können ihre körperliche, geistige und emotionale Verfassung nicht oder nur unzureichend einschätzen. Deshalb merken sie weder, wie sie sich durch ihr Verhalten auf allen drei Ebenen aus dem Gleichgewicht bringen, noch wie sich ihr Konzentrations- und Leistungsvermögen dadurch verringert. Das Wahrnehmen und Spüren eines Defizits ist jedoch Voraussetzung dafür, es beseitigen zu wollen und zu können.

Ohne eine gut funktionierende Selbstwahrnehmung können Schüler nicht erkennen, wann sie die Dinge laufen lassen können und wann es sinnvoll ist, steuernd einzugreifen. So sind sie permanent ein Spielball ihrer spontanen Reizempfindungen. Man kann ein Selbststeuerungsproblem weder willentlich herbeiführen noch loswerden. Betroffene Kinder wollen sich konzentrieren, können es aber nicht.

2. Mangelnde körperliche Fitness

Atmen, Trinken, Essen, Schlafen, Bewegen: Nach unterschiedlicher Dauer führt das Ausbleiben dieser Tätigkeiten zum Tod. Zum Glück kommt das extrem selten vor, doch hunderte von Schülern, mit denen ich gearbeitet habe, hatten Konzentrationsprobleme, für die Engpässe bei einem oder mehreren dieser fünf Punkte – die ich auch „die fünf Basics“ nenne – verantwortlich waren.

Wie schädlich eine flache Atmung für die Konzentrationsfähigkeit eines Schülers ist, habe ich unter anderem am Beispiel von Blockaden und Lernblockaden aufgezeigt. Doch auch Schüler, die vor dem Schulbesuch nicht frühstücken, in der Schule wenig trinken, schlecht schlafen oder sich zu wenig bewegen, können sich deshalb um einen Faktor X schlechter konzentrieren, der viel größer ist, als die meisten es sich vorstellen können. In der Addition können diese Faktoren für über 50 Prozent der Konzentrationsschwäche verantwortlich sein.

Seit Jahren steigt die Zahl meiner Schüler, die über häufige Bauch- und/oder Kopfschmerzen nach dem Aufwachen und in der Schule klagen. Wer sich körperlich unwohl fühlt, dem helfen weder die besten Konzentrationsübungen noch die größten Anstrengungen.

3. Schwach entwickeltes körperliches Spürbewusstsein

Kinder, die häufiger unter Schmerzen leiden, gewöhnen sich manchmal so sehr daran, dass sie sie aus ihrem Bewusstsein ausblenden oder einfach glauben, dies sei normal. Mir sind in meiner Praxis Kinder begegnet, die mir auf Nachfrage berichteten, dass sie mehrmals in der Woche über viele Stunden unter starken Kopfschmerzen litten, ohne dass irgendjemand davon wusste, die Eltern eingeschlossen.

Ähnliches gilt für Schüler, die unter Lernblockaden oder Prüfungsblockaden leiden. Sie bekommen in der Regel nicht mit, wie sie während einer Klassenarbeit ihre Atmung herunterfahren, ihr Gehirn dann irgendwann auf Notversorgung umschaltet und alles, was mit Anstrengung verbunden ist, zu vermeiden sucht. Dazu gehören dann leider auch die Aufgaben, die eigentlich mit voller Energie und klarem Kopf erledigt werden sollten.

Appelle wie: "Du musst dich besser konzentrieren!“ helfen in solchen Fällen nicht. Das Kind braucht ein Spürbewusstsein, das ihm unverzüglich signalisiert, wenn ein psychosomatischer Störfall droht oder eingetreten ist.

4. Unbewusste Gedanken und innere Bilder

Wie soll ein Schüler sich konzentrieren, wenn in seinem Innern, bewusst, halbbewusst oder unbewusst kontinuierlich Gedanken- und Bildprogramme ablaufen mit zum Teil starkem Impulscharakter? Vor ihm liegen seine schulischen Aufgaben und im Hintergrund laufen Szenen aus Filmen, Computerspielen oder was auch immer, die mit Macht um seine mentale Aufmerksamkeit ringen.

Solche Gedanken- und Bildprogramme können den Arbeitsspeicher eines Schülers so sehr belasten, dass die im Vordergrund laufenden Programme, das heißt, was zu einem Zeitpunkt X erledigt werden sollte, kaum noch freie Speicherkapizitäten mehr zur Verfügung haben. Beim PC würde man von einer hohen CPU-Auslastung sprechen, die in extremen Fällen zum Absturz führen kann, oder Blockaden bis hin zum Blackout auslösen kann, wenn es sich um ein menschliches Gehirn handelt.

Mit einem blockierten Kopf können sich Hausaufgaben stundenlang hinziehen, ohne dass dabei quantitativ und qualitativ viel herauskommt. Wenn ein Schüler in einer solchen Situation meint, er verstehe den zu schweren Stoff nicht, hat er in der Regel Recht. Jedoch versteht er den Stoff meist nicht deshalb, weil es an Verstand mangelt, sondern an Konzentration infolge unkontrollierbarer Ablenkungen.

5. Probleme bei der Wahrnehmung von Emotionen

Besonders Schüler mit einer hohen emotionalen Reizempfänglichkeit merken oft zu spät, wenn ihre Gefühle so stark auf ein Ereignis reagieren, dass sie völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Das gilt sowohl für angenehme wie unangenehme Gefühle wie auch für alle drei Zeitdimensionen. Die Erinnerung an schöne Erlebnisse kann ähnlich starke Gefühle auslösen wie das unmittelbar Erlebte oder das, worauf man sich freut und deshalb intensiv daran denkt.

Der Lusttyp kann so sehr in den Bann angenehmer Gefühle geraten, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt kaum Konzentrationsenergie für andere Inhalte oder Betätigungen zur Verfügung steht. Weiß ein Schüler, dass sein bester Freund bald vor der Tür steht, dann wird dieser Freund – und was er später mit ihm unternehmen wird – im Zentrum seiner Gedanken und Gefühle angekommen sein, lange, bevor dieser schließlich klingelt.

Der Angsttyp kann von negativen Gefühlen, die zum Beispiel durch eine Demütigung ausgelöst wurden, so sehr im Kopf gelähmt werden, dass er nicht mehr klar denken kann, oder – wie beim Blackout – vorübergehend gar nicht mehr denken kann.

6. Steuerungsprobleme bei körperlichen Engpässen

DDas unter Punkt 3 beschriebene mangelnde körperliche Spürbewusstsein impliziert ein doppeltes Steuerungsproblem. Wie will ich etwas steuern, was ich gar nicht wahrnehme? Und wenn ich es wahrgenommen habe, stellt sich immer noch die Frage: Wie kann ich den körperlichen Engpass beseitigen?

Bei den meisten funktioniert das am leichtesten beim Essen. Wenn man Hunger hat, ist fast immer etwas griffbereit, mit dem man ihn auf genussvolle Weise stillen kann. Das Durstgefühl meldet sich bei vielen erst, wenn der Körper durch Flüssigkeitsmangel bereits geschwächt ist. Vor allem nachmittags reduziert sich bei immer mehr Schülern die körperliche Bewegung zu einem großen Teil darauf, mit ihren Fingern Tastaturen oder Controller zu bedienen, weil Smartphone und PC schnellere, lustvollere und bequemere Befriedigung ermöglichen als anstrengende Bewegungen außer Haus.

Die Kombination aus wenig Bewegung und einer unstillbaren Lust auf mediale Spieleinheiten kann Schlafprobleme hervorrufen oder verstärken. Hier hilft das bloße Wissen um den Zusammenhang zwischen dem, was man tut bzw. unterlässt, ebenso wenig wie bei Problemen, die durch eine falsche Atmung verursacht werden. Ohne entsprechende Steuerungstechniken wird man seine schädlichen Gewohnheiten gegen besseres Wissens beibehalten.

7. Steuerungsprobleme bei ablenkenden Gedanken

Wenn Schüler, wie unter Punkt 4 beschrieben, ihre Gedanken beobachten können, haben sie die Hälfte des steinigen Weges zur Selbststeuerung hinter sich. In manchen Fällen sogar den ganzen Weg. Letzteres ist der Fall, wenn der Schüler die Tätigkeit, von der er abgelenkt wurde, sofort wieder aufnehmen möchte, weil er fest davon überzeugt ist, dass sie ihm unterm Strich langfristig mehr Lusteinheiten bringt als das aktuelle Ablenkungsangebot.

Da es hier jedoch weniger um rationale Überlegungen geht, als um Gefühle und körperliche Reize, reicht die Einsicht an dieser Stelle vor allem bei sechs bis vierzehnjährigen Schülern in der Regel nicht aus. Taucht ein Ablenkungsimpuls mit hohen Lustwerten während einer Tätigkeit auf, die mit starker Unlust verbunden ist, dann hat die Ablenkung leichtes Spiel.

Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von einem Impulsdarwinismus, bei dem immer das stärkere Lustversprechen siegt. Das bedeutet, dass man auf Dauer schädliche Ablenkungen nur dadurch besiegen kann, indem man ihnen eine sofort wirkende stärkere Lust gegenüberstellt.

8. Steuerungsprobleme bei Reizüberflutung

Jeder Erwachsene kennt die Erfahrung, dass Dinge, die unter gewöhnlichen Umständen leicht gelingen, schwierig werden können, sobald man einer Vielzahl von intensiven Reizen ausgesetzt ist. Dies gilt für innere Reize, die durch Gedanken und Bilder ausgelöst werden, wie auch für äußere Reize, die über die Sinnesorgane wahrgenommen werden oder von anderen Personen auf uns einwirken wie etwa beim Mobbing. Bei Hochsensiblen kann ein einziger starker Reiz ausreichen, um Blockaden oder Panik auszulösen.

Die gefährlichsten Auslöser für Blockaden sind im Inneren negative Gedanken und im Äußeren Ereignisse, die das Selbstwertgefühl in Frage stellen. Negative Gedanken sind starke Energie- und Konzentrationsräuber, weil sie eine chronische Flut von Reizen auslösen, die dann dazu führen, dass ein paar zusätzliche und an sich harmlose Reize, das Fass zum Überlaufen bringen können.

Bei mentalen Blockaden-Rekonstruktionen frage ich Schüler routinemäßig, was sich in den Stunden davor zugetragen hat. Häufig berichten sie davon, dass sie während einer Schulpause gekränkt oder gedemütigt worden waren und danach keinen klaren Gedanken mehr fassen konnten. Andere erzählen, dass sie vor einer Klassenarbeit in der letzten Stunde den ganzen Tag an ihren bevorstehenden Geburtstag gedacht und ihn sich in den schönsten Farben ausgemalt hatten.

9. Multitasking macht konfus

Kinder sind selten in der Lage, mehrere Aufgaben gleichzeitig und gleich gut zu erledigen. Das liegt zum einen an der relativ hohen Reizempfänglichkeit und zum anderen an der fehlenden Erfahrung bezüglich der Aufteilung ihrer Aufmerksamkeit auf verschiedene Aufgaben. Multitasking fällt Schülern besonders schwer, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:

  • Der passende Fokussierungswinkel für die einzelnen Tätigkeiten differiert um mehr als 180 Grad. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand gleichzeitig seine Lieblingsserie verfolgen und dabei schwierige Mathematikaufgaben lösen möchte. Ersteres würde mit einem Streubewusstsein von über 300 Grad funktionieren, während für die zweite Tätigkeit ein Fokussierungswinkel von unter 30 Grad angemessen wäre.

  • Der Fokussierungswinkel liegt für beide Tätigkeiten bei unter 30 Grad. Ein Klassenkamerad erklärt während des Unterrichts, wo man sich am Nachmittag trifft, wie man dorthin kommt und was jeder mitbringen soll. Gleichzeitig gibt die Deutschlehrerin bekannt, welche Themen in der nächsten Klassenarbeit vorkommen. Hier würden beide Tätigkeiten einen hohen Fokussierungsgrad, das heißt einen kleinen Winkel erfordern.

  • Der Schüler hat so viel um die Ohren, dass eine winzige zusätzliche Aufgabe seine Konzentrationsenergie überfordern kann.

  • Das gilt auch für den Fall, dass er zu viel zwischen den Ohren hat, ihm also so viele Dinge durch den Kopf gehen, dass er für komplexe Aufgaben chronisch überfordert ist.
  • Auf Schüler in der Pubertät treffen oft alle vier Punkte zu. Wegen der rapiden Veränderungen auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene, die sie zu bewältigen haben, sind sie manchmal ähnlich absturzgefährdet wie ein PC, dessen CPU-Auslastung grenzwertig ist.

10. Mangelnde Motivation beim Lernen

Zur Lernmotivation tragen alle Kräfte bei, die uns dazu bewegen, etwas zu lernen – lateinisch movere = bewegen. Diese Bewegung fällt den Schülern um so leichter, je mehr der Lerngegenstand sie interessiert und einen Lustgewinn verspricht. Das gilt zum Beispiel für besonders beliebte Computerspiele. Während Schüler sich damit beschäftigen, ist sowohl die Lernmenge als auch die Qualität ihres Lernens meist um ein Vielfaches höher als beim schulischen Lernen. Die Freude an der Tätigkeit ist der Motor, der den Schüler beim Spielen in Bewegung bringt und hält. Wenn man mit Unlust lernt, fehlt der Motor und muss durch andere Triebkräfte ersetzt werden, damit sich beim Lernen etwas bewegt.

Bei den meisten Schülern ist durchaus eine gewisse Grundmotivation in Bezug auf das schulische Lernen vorhanden, die teils auf dem Interesse für bestimmte Themen basiert, teils auf ihrer Einsicht, dass eine gute schulische Ausbildung die Chancen erhöht, später einen Beruf auszuüben, den man mag und der genug Geld einbringt, um wirtschaftlich unabhängig leben zu können.

Diese Grundmotivation reicht in der Schule nicht aus. Es gibt in den meisten Fächern viele Aufgaben, die eine spezifische Motivation für bestimmte Themen voraussetzen. Und da die meisten Schüler sich für die meisten in der Schule behandelten Themen kaum interessieren oder mit der Art, wie ihre Lehrer sie vermitteln, nicht klarkommen, müssen die Schüler die fehlende Motorkraft beim Lernen durch eigene Anstrengungen ersetzen. Das kostet enorm viel Energie, führt schnell zur Ermüdung und setzt eine Fluchtbewegung in Kraft, die zum Trödeln verleitet oder zum schnellen Umstieg in eine Beschäftigung, die Freude bereitet.

11. Störende äußere Ablenkungen

Wie leicht ein Schüler auf äußere Ablenkungen anspricht, hängt von der Reizempfänglichkeit seiner Sinne und Emotionen ab sowie davon, ob er eher intro- oder extravertiert ist.

Für die Konzentration beim Lernen sind akustische Reize besonders gefährlich. Wenn jemand Faxen macht, kann ich wegschauen, wenn es stinkt, mir die Nase zuhalten, doch gegen akustische Invasionen bin ich weitgehend machtlos. Besonders empfindsame Jungen und Mädchen können während des Unterrichts annähernd hundert Prozent ihrer Konzentrationsfähigkeit verlieren, wenn es in der Klasse laut ist, während der Verlust an Konzentration bei weniger empfindlichen gegen null gehen kann. Nicht selten können Schüler sich um ein bis zwei Noten im Durchschnitt verbessern, wenn sie von einer lauten in eine leise Klasse versetzt werden.

Auch bei den Hausaufgaben können Betroffene leicht abgelenkt werden, wenn zum Beispiel der Bruder herumtobt oder die Schwester Blockflöte übt. Eine Schülerin, die eine Konzentrationsübung bei mir durchführte, bat mich, die Uhr in dem Raum zu entfernen, weil sie sich sonst nicht konzentrieren könne. Ich tat ihr den Gefallen, obwohl ich selber die Uhr gar nicht wahrgenommen hatte. In den verbleibenden vier von zehn Minuten holte sie etwa doppelt so viele Punkte wie bei den ersten sechs.

Wie der Name schon sagt, sind die Empfangsantennen der extravertierten Schüler mehr nach außen als nach innen ausgerichtet. Bei den meisten liegt der Grund für die Außenausrichtung darin, dass sie für das Wahrnehmen innerer Bilder Impulse von außen brauchen. Sie können nicht jederzeit ihr Heimkino einschalten, wenn draußen nichts los ist und sind deshalb besonders abhängig von dem, was in ihrer Umgebung geschieht.

Während der introvertierte Schüler sich bei akustischer Verseuchung in sein inneres Heimkino zurückzieht, verliert der extravertierte sich im Außen. Beides bedeutet Steuerungsverlust bezüglich der Aufmerksamkeit und ist Gift für die Konzentration.

12. Ineffiziente Lernorganisation

Dieser Mangel ist bei dem von mir als Lusttyp bezeichneten Schüler besonders verbreitet, der das schulische Lernen zu vermeiden sucht, wo immer das möglich ist. Er fragt sich, warum er etwas organisieren sollte, was er hasst, und beschäftigt sich deshalb lieber mit Vermeidungsstrategien als mit Anwendungstechniken.
Da der Lusttyp zudem ein exzellenter Verdrängungskünstler ist, wird ihm gar nicht erst bewusst, wie sehr er sich gegen etwas wehrt, was gerade er am dringendsten gebrauchen könnte, nämlich Lernorganisation.

So sieht nicht selten ein Tag im Leben eines Schülers aus, für den Lernorganisation ein rotes Tuch ist:

… morgens auf dem letzten Drücker aufstehen … ohne Frühstück und ohne Schultasche, in der alles drin ist, was er an dem Tag braucht, macht er sich auf den Schulweg … weil er müde ist, kommt er in den ersten beiden Schulstunden nicht in die Gänge … er macht sich während des Unterrichts kaum oder gar keine Notizen, ausgeteilte Arbeitsblätter werden an Ort und Stelle entsorgt oder ungeordnet in die Schultasche gestopft … die aufgegebenen Hausaufgaben werden ebenso wenig aufgeschrieben wie hilfreiche Tipps, die ein Lehrer vor anstehenden Klassenarbeiten gibt … wenn ihn mal was interessiert, hört er gelegentlich zu, stellt aber so gut wie nie Fragen, wenn er etwas nicht versteht … in den letzten Stunden ist er ähnlich erschöpft wie Mitschüler, die aufmerksam dem Unterrichtsgeschehen gefolgt sind, schließlich kostet es auch Anstrengung, sich so smart durch den Unterricht zu mogeln wie er das tut …
… mit viel Lusthunger kommt er nach Hause, schließlich wurde seine Lust während des Unterrichts durch die Anwesenheit der Lehrer ausgebremst … schnell was essen … dann Fernseher, PC oder Smartphone … irgendwann mahnt jemand die Hausaufgaben an … schnell und schluderig wird das erledigt, woran er sich noch erinnern kann, planlos und ohne Struktur … Aufforderungen Dritter, mehr zu lernen oder Aufgaben zu verbessern, werden abgeschmettert mit dem Hinweis, dass das Erledigte völlig ausreicht … abends verspürt er mehr Tatendrang als am Tag und tut sich mit dem Einschlafen schwer … wenig und/oder unruhiger Schlaf … morgens auf dem letzten Drücker aufstehen …

13. Selbstzweifel und mangelndes Selbstbewusstsein

Der Schüler A ist mit einem Potenzial ausgestattet, das es ihm ermöglicht, bei relativ geringer Anstrengung weit überdurchschnittliche schulische Leistungen zu erbringen. Der Schüler B ist mit einem Potenzial ausgestattet, das es ihm ermöglicht, bei relativ geringer Anstrengung weit überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen. Es gibt viele Ursachen, die dafür verantwortlich sein können, dass Schüler A in derselben Klasse einen Notendurchschnitt mit einer Eins und B mit einer Drei vor dem Komma hat. Einer der gewichtigsten Gründe dafür wird oft überschätzt: die Frage, ob ein Schüler mit sich und der Welt im Reinen ist oder nicht.

Wenn man die wichtigsten Weichenstellungen für Selbstzweifel oder Selbstvertrauen kennt und sie personenbezogen zuordnen kann, erleichtert dies die Umstellung des Systems von Behinderung und Zerstörung in Richtung Förderung und Aufbau. Doch selbst wenn die Ursachen völlig im Dunkeln liegen, kann jeder seine Selbstzweifel auf ein Maß reduzieren, mit dem es sich gut leben lässt.

Die gefährlichsten Selbstzweifel sind diejenigen, deren man sich nicht bewusst ist, und man ist sich ihrer oft deshalb nicht bewusst, weil sie gewöhnlich mit einem kompensatorischen Größenwahn einhergehen. Das macht die Selbstdiagnose Selbstzweifel so schwierig. Wenn ein Schüler fundamental an sich zweifelt, jedoch glaubt, keine Selbstzweifel zu haben, wird er den Schaden, den diese rund um die Uhr anrichten, nicht bemerken oder falsch zuordnen.

Selbstzweifel sind Gedanken, die einem Tag und Nacht zuflüstern: „Du bist nicht in Ordnung. Du taugst nichts. Niemand mag dich wirklich. Deine Lage ist hoffnungslos.“ Das Gehirn fühlt sich dafür verantwortlich, diese inneren Gedankenimpulse in die äußere Wirklichkeit zu übertragen. Es sorgt dafür, dass wir so werden, wie wir uns sehen.

Wenn wir schließlich mithilfe unserer Selbstzweifel eine Wirklichkeit geschaffen haben, die zum Verzweifeln ist und uns auf die Schliche gekommen sind, wie wir diese Wirklichkeit selbst konstruieren, dann kann uns der Leidensdruck helfen, die Weichen zu stellen für ein Leben, das geprägt ist von einem starken Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Ein Schüler mit diesen Eigenschaften wird auch ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln im doppelten Sinne des Wortes. Er wird sich selbst bewusster wahrnehmen und sich viel zutrauen.

14. Dicke Luft in der Lern-Raum-Zeit

Ob Lernen Spaß macht und gut gelingt, hängt entscheidend davon ab, wo, wann und mit wem gelernt wird. Ein lauter, unaufgeräumter, schlecht gelüfteter, dunkler Raum bremst die Lernlust und erschwert das konzentrierte Lernen.

Wenn der Schüler zum Zeitpunkt des Lernens Schmerzen hat oder müde ist, wenn er währenddessen etwas verpasst, was ihm besonders viel bedeutet, und er deshalb stark abgelenkt ist, dann leidet unter der schlechten Zeitqualität auch die Qualität des Lernens.

Manche Schüler können am besten lernen, wenn sie allein sind, andere wenn jemand dabei ist. Sobald eine weitere Person im Lernraum anwesend ist, beeinflusst sie das Lernen, unabhängig davon, ob sie sich unmittelbar daran beteiligt. Sie bringt entweder frischen Wind in den Raum oder sorgt für dicke Luft. Während des Schulunterrichts sind die Räume, Zeiten und beteiligten Personen relativ konstant und deshalb nur schwer zu beeinflussen.

Doch auch hier sind die Schüler den äußeren Umständen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Unter Punkt 14 der folgenden Seite beschreibe ich eine Methode zur Verbesserung des Lernklimas beim häuslichen Lernen, die teilweise auf den Schulunterricht übertragbar ist.

Viel größer sind die Einflussmöglichkeiten beim häuslichen Lernen. Das gilt sowohl für die Raum-Zeit als auch für Dritte, die das Lernen begleiten und/oder kontrollieren. In der Regel sind dies die Eltern. Wenn sie sich unmittelbar am nachmittäglichen Lernen ihres Kindes beteiligen, dann haben sie oft mindestens so viel Einfluss auf das Lernklima und die Lerneffizienz wie der Schüler selbst.